Ist Gemeinschaft gleich Gemeinschaft?

1. Dezember 2016 Lesezeit:
Wir nennen sie Gemeinschaften – und wahrlich, sie schaffen, arbeiten, leisten auch gemeinsam. Doch teilen tun sie hierarchisch, statt gemeinschaftlich. Geld fällt eben nach oben. In Japan sind die freien Tage der Bürger nach den Großunternehmen benannt, an denen sie arbeiten. Nicht sonntags haben alle frei, sondern vielleicht montags am Toyota-Tag, dienstags am Honda-Tag und mittwochs haben vielleicht die Fuji-Mitarbeiter Pause, ihre kleinen Filmröllchen zu produzieren. Da geht es uns besser.

Deutsche Wertarbeit mit dem Qualitätsmerkmal des "Made in Germany" verlangt eben die volle Identifikation ihrer Mitarbeiter, gar deren gesamte Familien mit den Zielen und Visionen, aber auch alltäglichen Gepflogenheiten ihres Brötchengebers. Früher nannten wir das Lehnsherren-Wille. Heute nennt uns die Unternehmensleitung: "ihre große Familie". Und doch, doch! sie kümmern sich um uns. Es gibt eine Firmenrente, bezahlten Urlaub, gelegentlich eine goldene Uhr zum Abschied... – wem das genügt.

Vielerlei scheinbar "echte" Gemeinschaften finden sich in den üblichen Vereinigungen. Dort kommen wir ja freiwillig zusammen. Keiner zwingt uns. Uns verbindet die Jagd im Schützenverein, der Gesang im Kulturverein, die Liebe zum Wettbewerb im Sportverein. Alles kurzzeitige Momente des Gefühls von Gemeinschaft. Den dort Vereinigten wohnt ein gemeinsamer Geist inne – das verbindet über die Regeltreffen hinaus, oder?
Die Kneipe an der Ecke, in der man vom Barmann mit Vornamen bereits an der Tür begrüßt wird, mit den Worten: "wie immer?". Diese Worte geben auch das Gefühl, dazu zu gehören. Hier werden doch auch am Tresen neben Höflichkeiten regelmäßig die Herzen ausgeschüttet – in vino veritas! Das müsste eigentlich wirklich tief verbinden. Geteiltes Leid ist halbes Leid... Wahrlich, die Kneipen und Unternehmen sind keine WWGs = keine Wohn- und WirkensGemeinschaften, auch wenn man meinen könnte, manch einer wohne in seiner Eckkneipe, und wir verbringen doch alle die meiste Zeit unseres Alltags in der Firma oder im Büro..., stimmt`s?

Aber die klassische WG kommt doch einer freiwilligen Gemeinschaft sehr nah, könnte man meinen. Häufig wird da das Haushaltsgeld geteilt und neben der gemeinsamen Wohnküche teilt man auch fast alle Sorgen und Nöte miteinander. Ist ja beinahe eine "Gemilie", eine Gemeinschaft mit familiärer Ähnlichkeit. Man wächst schon recht geschwisterlich zusammen über die Zeit, wenn man das so will. Aber kurz ist die Freude über diese Beinah-Gemilie (Kunstwort: Gemeinschaft + Familie). Wenn da ein Liebespartner bzw. Karrieresprung hinzukommt, ist sich jeder schnell selbst der Nächste. Eine Peer-Group ist eben keine heterogene, generationenübergreifende, nachhaltige und tragende Solidargemeinschaft.

Aber die Kleinfamilie ist doch eine "echte", "freie" Gemeinschaft!? Mann und Frau geben sich aus freien Stücken das Ja-Wort und verbinden sich bzw. ihre Gene in den Kindern. Blut ist dicker als Wasser, sollte man meinen. Wenn man bedenkt, dass die Rechtsehe ausschließlich mit dem Ziel geschaffen wurde, Besitz, Rang, Titel und Ansprüche zu sichern und über Generationen zu erhalten, bekommt die Sache schon ein anderes Licht. Deswegen war die Rechtsehe über Jahrtausende stets ausschließlich den Besitzenden vorbehalten.
Aber die Romantik, die Liebe! Sind das nicht die wahren Beweggründe für eine Kleinfamilie!?...Hätten wir dafür ein Ritual in unserer Kultur, wie die Heiden früher, dem wäre vielleicht dann noch so. 

In der Kleinfamilie soll der Partner bekanntlich ALLE Funktionen erfüllen, die wir brauchen, um vollständig glücklich zu sein. Er soll für die Erfüllung all dieser Bedürfnisse einstehen, für die in einer Großfamilie noch ein gutes Dutzend Menschen einstanden und früher gar ganze Clans oder Sippen fungierten. Ganz schön überfordernd für einen einzelnen Menschen, meine ich. Aber wenn es nicht klappt, endgültig zuviel wird, gibt es ja zum Glück die juristische Scheidung. Diese verschlingt dann erfahrungsgemäß das halbe Vermögen und macht das gezeugte Einzelkind zum sozialen Krüppel. Soviel zum Thema Nachhaltigkeit und ressourcenbewusstes Handeln. 

So, jetzt aber genug mit dem Einprügeln auf die blutigen Wunden. Wer will das schon hören! Wer seinen Schnabel so weit aufreißt und sich am Aas des sozio-kulturellen Systems unserer Gesellschaft labt, der sollte gefälligst auch Antworten in der Tasche haben, um nicht geteert und gefedert wegen Unruhestiftung aus der Stadt gejagt zu werden. 

Ja, hat er! Von der Gemilie wird im Folgeartikel die Rede sein. So auch von ihrer "großen Schwester", der WWG. Beides bereits kurz erwähnt.
Wer dem Kritiker also auf den Puls fühlen will, ob er mehr als nur ein Marktschreier sei, der möge in Neugierde verbleiben auf den Neujahrsartikel. Bis dahin, viele frohe Firmen-Weihnachtsfeiern!

DerPHILANTHROPIANIER

Autoren

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Der Architekt und Inhaber einer Berliner Tango-Schule Markus Peter Ibrom schreibt unter verschiedenen Pseudonymen. Er initiiert und betreut Wohn- und WirkensGemeinschaften seit gut einem Dutzend Jahre. Als Visionär setzt er sich praktisch für die Verwirklichung des Wahlverwandtschaftsgedankens ein. www.philanthropianier.org

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