Die vom anderen Stern

28. Februar 2019 Lesezeit:
Die anderen. Sie haben dasselbe Anliegen, sind Mitglieder, wie man selbst, gehören dazu, wie man selbst. Aber sie scheinen manchmal von einem anderen Stern zu kommen.
Die Anderen sind manchmal – anders
Die Anderen sind manchmal – anders
Foto: bring-together

Manchmal benutzen sie Begriffe, die man selbst nie benutzen würde. Manchmal stellen sie Zusammenhänge her, die man selbst so nie herstellen würde. Manchmal lachen sie über Sachen, die man selbst nicht lustig findet. Und dennoch: Alle gehören zur selben Gruppe und wollen dasselbe und engagieren sich für dasselbe. Wie funktioniert das?

Es hat ein paar Jahre gedauert, bis mir das Phänomen derer „vom anderen Stern“ bewusst geworden ist. Wer denkt schon an einen anderen Planeten, wenn er sich einer Gruppe anschließt, in der lauter Leute sind, die dasselbe wollen wie man selbst, nämlich ein gemeinschaftliches Wohnprojekt planen und realisieren? Dabei ist das Phänomen in der gesamten Wohnprojekteszene zu beobachten. Es tritt in unterschiedlichen Zusammenhängen zutage. Ich will den Versuch unternehmen, es zu beschreiben.

Das Phänomen entsteht durch Verschiedenheiten, die nicht einfach auszumachen sind. Sie sind nicht auf den ersten und oft auch nicht auf den zweiten Blick zu erkennen. Da gibt es einerseits diejenigen in der Gruppe, die gut technisch denken können. Von Beruf sind sie oft Ingenieure, Architektinnen, Banker oder Juristinnen. Sie sind bestens ausgerüstet, um alles denken zu können, was mit Bauen zu tun hat, und sie lieben es, mit harten Fakten zu operieren. Höhen, Weiten, Tiefen, Quadratmeterpreise, Finanzierungssysteme, Rechtsformen, Gesetze, Statuten – alles Themen, die für die Realisierung eines Wohnprojekts enorm wichtig sind.

Dann gibt es die anderen. Das sind die, deren Denken um den Menschen an sich kreist. In Wohnprojektgruppen denken sie vor allem an Gemeinschaft und Wir-Kultur. Aber auch an die Einzelnen, an Männer, Frauen, Kinder, Junge, Alte, Rollstuhlfahrerinnen, Ausländer. Ihre Welt hat mit dem Seelischen zu tun und mit Themen wie Achtsamkeit und Wertschätzung, mit Alltagsleben, Fürsorge, Kümmern und Miteinander. Sie sind häufig Lehrerin, Psychologe, Sozialarbeiterin, Erzieher oder Altenpflegerin. Sie haben Berufe, die mit Menschen zu tun haben. Die Fakten, mit denen sie operieren, sind weich.

Ich will keine Menschen typisieren, sondern ein Phänomen beschreiben, dass sich durch die Wohnprojekteszene zieht und zu Konflikten führt, solange es unerkannt bleibt. Ich habe erlebt, wie eher technisch denkende Gruppenmitglieder einen Konflikt umdefiniert und ihn zu einem Problem erklärt haben. Die Folge davon war fatal. Denn die Lösung eines Problems verlangt eine ganz andere Strategie als die Lösung eines Konflikts. Umgekehrt wäre es natürlich genauso fatal, wenn ein Problem umgedeutet würde zu einem Konflikt. Dazu tendieren diejenigen, die vom Stern der eher psychosozial Denkenden kommen. Aber: Ein Konflikt ist ein Konflikt, und ein Problem ist ein Problem.

Die Unterschiede, die ich hier beschreibe, habe ich erst durch das Mitmachen in Wohnprojektgruppen zu erkennen gelernt. Durch Erfahrung. Durch Frustration und Enttäuschung. Durch Nachdenken, Recherchieren, Lesen und indem ich Workshops besucht habe.

Ich bin vom Stern der weichen Fakten. Ich denke eher psychosozial als technisch. Meine Welt sind Kreisgespräche, Wir-Kultur, Gewaltfreie Kommunikation, Dialogprozesse und konstruktives Feedback. Ich könnte Seiten füllen mit Aspekten, die mir für das erfolgreiche Umsetzen gemeinschaftlicher Wohnprojekte wichtig scheinen – alle aus dem Bereich der „Software“.

Und jemand vom anderen Stern könnte ebenfalls Seiten mit technischen Stichworten füllen, die für die Umsetzung eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts wichtig sind. Die meisten Bücher, die ich zum Thema „Gemeinschaftliche Wohnprojekte“ gefunden habe, wurden übrigens von eher technisch denkenden Menschen verfasst. Das spiegelt die reale Situation der Szene: Für weiche Themen ist selten Zeit. Sie kommen oft zu kurz, und vieles, was auf der Ebene der Gemeinschaftskultur und der bewussten Kommunikation zum Gelingen des Projekts beitragen könnte, wird liegen gelassen.

Ich habe gelernt: Wenn technisch Denkende gemeinsam mit psychosozial Denkenden eine Gruppe bilden und es hinkriegen, sich gegenseitig zuzuhören, sich gegenseitig zu respektieren und wertzuschätzen, wenn sie verstehen, dass die vom jeweils anderen Stern wichtig sind, damit das gemeinsame Ziel erreicht werden kann – dann wird es mit dem Wohnprojekt klappen.

Aber wenn diejenigen, die in harten Fakten denken, schnell genervt sind von denen, die in weichen Fakten denken; wenn sie nicht wirklich zuhören; wenn umgekehrt diejenigen, die in weichen Fakten denken, die Argumentation mit harten Fakten ablehnen, wenn die einen die anderen abwerten, ihre Äußerungen für unwichtig halten, ihren Beitrag womöglich sogar als störend empfinden – dann … fast hätte ich geschrieben: dann wird das nichts mit dem Wohnprojekt. Aber das stimmt nicht. Denn die vom Stern der harten Fakten werden es schaffen, ein Projekt zu realisieren. Sie brauchen keine weichen Fakten, um erfolgreich zu sein. Wer technisch denken kann, ist sehr gut für die Kommunikation mit den Profis gerüstet, die zur Umsetzung eines Projekts nötig sind. Denn in der Bauindustrie, in der Finanzwelt, bei den Juristen: Überall treffen sie auf Leute vom selben Stern.

Allerdings ist zu befürchten, dass sie Konflikte zu Problemen umdeuten und sie wie Probleme lösen. Um Konflikte Konflikte sein lassen zu können und sich mit Konfliktlösungen zu beschäftigen, wären Fähigkeiten gefragt, die vom anderen Stern kommen.

Der Unterschied zwischen Problemlösung und Konfliktlösung ist folgender: Ein Problem wird gelöst, indem seine Ursache gefunden und beseitigt wird. Ein Konflikt wird gelöst, indem alle Beteiligten sich gegenseitig zuhören und indem sie unterstützt werden, mutig und ehrlich zu sagen, was sie denken und fühlen und was ihre Bedürfnisse sind. Denn die Erfahrung zeigt, dass Konflikte sich automatisch auflösen, wenn alle Bedürfnisse nachvollziehbar geworden sind, sowohl die eigenen als auch die von der anderen Seite; wenn sie ausgesprochen und gehört worden sind. Konflikte lösen sich auf der Gefühlsebene, dort, wo sie auch entstanden sind. Um Konflikte zu lösen, muss nichts, aber auch gar nichts, beseitigt werden.

Für Gruppen, in denen überwiegend oder ausschließlich Leute vom Stern der weichen Fakten versammelt sind, sieht es in Sachen Erfolgschancen schlecht aus. Sie machen sich oft erst viel zu spät klar, dass ihre Kompetenzen nicht ausreichen. Sie merken oft nicht, dass sie zu wenig Ahnung haben von dem, was gefordert ist, wenn man ein Wohnprojekt erfolgreich realisieren will. Das hat nichts mit Dummheit zu tun. Intelligenz schützt nicht davor, Situationen falsch einzuschätzen. Würden sie frühzeitig erkennen, dass sie die fehlenden Kompetenzen einkaufen müssen, wäre die Gefahr des Scheiterns gebannt.

Ich war einmal Teil einer Gruppe von acht Frauen. Wir waren alle um die 60. Wir waren sicher, dass es unsere wichtigste Aufgabe sei, eine tolle Gruppe zu werden. Dass uns Kompetenz gefehlt hat, haben wir zwar irgendwie gespürt, aber wir haben es verdrängt beziehungsweise versucht zu kompensieren. Beispielsweise indem wir viel gelesen, uns viele Informationen beschafft, Kenntnisse zu erlangen versucht haben. In der Rückschau erscheint mir das unheimlich naiv. Aber die regelmäßigen Treffen waren schön, interessant, lehrreich und erfüllend. Wir haben uns andere Wohnprojekte angeschaut, haben im Internet recherchiert, haben Konzeptentwürfe geschrieben und Workshops besucht. Es haben sich Freundschaften ergeben, die bis heute halten. Aber als Gruppe waren wir auf dem Holzweg. Ich kann mich noch genau erinnern, in welcher Situation ich wachgerüttelt wurde und gesehen habe, dass das nichts werden kann:

Wir waren alle zusammen bei einem Workshop, in dem es um Themen ging, die beim Realisieren eines Wohnprojekts zu berücksichtigen sind. Als es dann um das Thema Finanzierung ging, hatten alle aus meiner Gruppe etwas anderes vor und sind gegangen. Nur ich blieb. Und das obwohl mir das Thema Finanzen überhaupt nicht liegt. Ich war geschockt und musste erst einmal mit den anderen Teilnehmern des Workshops aus anderen Gruppen darüber reden, was das für mich bedeutete, dass meine ganze Gruppe gegangen war. Einer der Teilnehmenden sagte zu mir: „Ich an deiner Stelle würde aus dieser Gruppe rausgehen. Das kann nichts werden." Mir war natürlich klar: Wer sich nicht mit dem Thema Geld befassen möchte, wird kein Wohnprojekt hinkriegen. Ich habe mich dann aus der Gruppe verabschiedet. Emotional ist mir das sehr schwer gefallen.

Die Gruppe hat dann noch über ein Jahr weitergemacht. Andere kamen dazu, die Gruppe hat sich einen Namen gegeben, Statuten für einen Verein wurden entwickelt, ein Flyer wurde gedruckt und verteilt und es wurden ganze Straßenzüge nach leerstehenden Häusern abgesucht. Zudem fuhren alle zusammen hin und wieder nach Holland ans Meer, immer mit der Idee, sich besser kennenzulernen. Irgendwann hörte ich dann, dass sie sich aufgelöst haben. Auf der letzten Hollandreise war es zum Zerwürfnis gekommen.

(Auszug aus dem Buch »Ab ins Wohnprojekt!« von Lisa Frohn)

Das aktuelle Buch von Lisa Frohn ist im oekom Verlag erschienen
Das aktuelle Buch von Lisa Frohn ist im oekom Verlag erschienen
Literatur

Lisa Frohn wirft ein Licht auf Herausforderungen und Hindernisse bei der Gründung von Wohnprojekten und stellt Erfolgsgeschichten vor.

Autorin

Lisa Frohn

Lisa Frohn

Lisa Frohn engagiert sich seit vielen Jahren in verschiedenen Projekten für eine solidarische, vielfältige und kreative Wir-Kultur. Vor diesem Hintergrund setzt sie sich intensiv mit gemeinschaftlichem Wohnen auseinander. Als Gründerin der »Werkstatt für Miteinander« und Mitglied des Teams der Wohnschule der Kölner Melanchthon-Akademie verbindet sie Bildung mit Wohnen und Gemeinschaft.

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