Mehrgenerationenhäuser

18. April 2016 Lesezeit: Wohnformen
Wohnen wir noch oder ziehen wir uns nur zurück? Wir leben in einer Zeit der Vereinzelung, aber auch intensiverer Kommunikativität. Alte und Junge verbringen viel Zeit vor Computern, an Handys, in Chats, beim Twittern usw. usf. …

Über die seltsame Mischung aus Spiel und Effizienz, die diese technischen Geräte uns zwingen sich anzuleben, wird nicht mehr gerätselt. Man nimmt sie hin. Dabei gerät leicht aus dem Blick, was die Unterlage oder die Basis der ganzen (begeisterten) Anstrengung war: ein gelungenes Verhältnis zu den Mitmenschen und zur Familie, ohne welches all dies auf Dauer nutzloser Plunder bleibt.

Der Wohnraumbedarf ist enorm gewachsen. Die Ansprüche an Wohnkultur und Versorgung mit verschiedensten Gütern haben sich in unserer offenen Welt weit auseinander entwickelt. Wir sind es teilweise nicht mehr gewohnt, Gemeinsamkeiten  zu pflegen, die dem Alltag standhalten können und über Kino oder Fußball hinausgehen. Was im Urlaub in Kürze noch geht, sogar mit Fremden, ist „unter uns“ eine schwierige Sache: die Vertrautheit miteinander auszuhalten. Aber genau diese Vertrautheit erdet uns und hält uns seelisch gesund. Gerade weil also die Menschen sich weiter vereinzeln, immer mehr getrennte Wege gehen, auch weil das Angebot zur Selbstbetätigung wächst und wächst, bekommt  die familiäre Bindung aus faktischen Gründen immer stärkeres Gewicht. Das kennt jeder und wundert auch niemanden mehr.

Man muss bzw. wird aber neue Wege gehen wollen, im Alltag, in der Familie selbst, aber auch im Wohnen. Und ein relativ neues Modell gemeinsamen Wohnens kommt dem entgegen: das Mehrgenerationenhaus.

Die Idee ist hierbei, dass mehrere Wohnparteien verschiedenen Alters enger als üblich miteinander kommunizieren. Das kann von der Einrichtung eines Gemeinschaftsraumes bis hin zur Vergemeinschaftung des Gartens oder der Küche reichen. Es kann in Ausnahmefällen auch bedeuten, dass man familienähnliche Beziehungen untereinander eingeht bezüglich Kinderpflege oder Altenbetreuung. Das alles bleibt dabei den Beteiligten überlassen, dem Grad ihrer Übereinstimmung und Übereinkunft entsprechend. Entscheidend ist, dass die Beteiligten um die Balance von Respekt und Nähe wissen, wo nie eines dem anderen aufgeopfert wird.

Das Besondere und sehr Angenehme ist hierbei immer, dass durch die Einbeziehung mehrerer Generationen (typischerweise sind es drei) jedem Mitbewohner eine Art familiärer Background zur Verfügung steht, der es einem ermöglicht, sich, soweit das möglich ist, in dieser offenen Gemeinschaft relativ geborgen zu wissen. Dabei ist es wissenschaftlich bewiesen, dass die Generationen von einander profitieren. Aber das wusste natürlich auch die Erfahrung schon. Das Wichtigste dabei ist, dass man eine gemeinsame Wertegrundlage hat. Diese ist auszuloten und über eine gewisse Zeit auch (locker) miteinander zu erproben. Gefällt das, steht einem vernunftvollen gemeinschaftlichen Wohnen nichts mehr im Wege.

Autoren

Peter Enders

Peter Enders

Der Privatphilosoph und Lebensberater aus Leipzig beschäftigt sich im Rahmen des »Instituts für Philosophische Lebensformung« mit der Wirksamkeit des Gedanklichen. Er ist davon überzeugt, dass die Philosophie einen sozialen Auftrag hat, der niemandem sonst überrtragen werden kann und welcher in der Anleitung zu eigenverantwortlichem Denken und Handeln besteht. www.uskon.de

Karin Demming

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

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