Nie mehr nach Hause – aber nicht ins Heim

3. Februar 2016 Lesezeit:
In einem unserer letzten Artikel habe ich meine ganz persönlichen Eindrücke bei einem Besuch in einer Demenz-WG geschildert. Von außen und mit dem nötigen Abstand betrachtet, lässt sich die Tragik der Menschen, die von einem Schicksalsschlag in dieser Härte getroffen werden, nur ansatzweise erahnen. Dieses Mal wollte ich von den Angehörigen selbst erfahren, wie es sich für sie anfühlt, wenn ihr Partner oder Angehöriger in einer Demenz-WG lebt und was ihre Beweggründe waren, sich mit dem Betroffenen selbst für diese Wohn-und Lebensform zu entscheiden.
Bild: advita Pflegedienst GmbH
Bild: advita Pflegedienst GmbH

Frau K. (möchte namentlich nicht genannt werden) ist die Ehefrau eines Bewohners der Demenz-WG in Leipzig/Wahren. Sie wohnt in ihrer eigenen Wohnung und besucht ihren Mann in der WG regelmäßig.

Während sie mir vor dem eigentlichen Interview ihre persönliche Geschichte erzählte, war sie sichtlich bewegt.

Ihr Mann hatte vor ein paar Jahren während eines gemeinsamen Urlaubs einen Schlaganfall erlitten. Sie waren nach dem Frühstück zum Spaziergang aufgebrochen, als ihr Mann plötzlich wirres Zeug sprach und sich sehr merkwürdig verhielt. Intuitiv suchte sie sofort eine naheliegende Arztpraxis auf. Dort wurde umgehend der Rettungsdienst alarmiert und ihr Mann mit dem Hubschrauber ins nächste Krankenhaus geflogen. Am gleichen Abend wurde Frau K. informiert, dass dem Schlaganfall ein Herzinfarkt voraus ging.

Ab diesem Zeitpunkt  begann ein Leidensweg für beide. Ihr Mann wurde in ein künstliches Koma versetzt und es dauerte einen langen Zeitraum, bis sein Zustand wieder einiger maßen stabil war. Ein Jahr danach bekam ihr Ehemann einen Rückfall. Sein geistiger Zustand hatte sich immer mehr verschlechtert. Die Ärzte im Krankenhaus und die Fachleute der anschließenden Rehabilitationsklinik in Bennewitz mussten Frau K. nahelegen, dass sie ihren Mann wohl nie mehr nach Hause holen könnte.

Sie selbst war gesundheitlich inzwischen sehr geschwächt und sichtlich mitgenommen, denn mit der ganzen Situation komplett überfordert. Mit ihren Kindern wurde nun nach einer Lösung gesucht, die Mutter zu entlasten und dem Vater die bestmögliche Versorgung und Pflege zu gewährleisten. Viele Heime und Pflegestätten wurden abgeklappert, bis sie von der Hausärztin, die ihren Mann nach wie vor über Hausbesuche betreut, einen Tipp bekam. So schauten sie sich die Demenz-WG im advita Haus Rundling Wahren in Leipzig an und entschieden sich für den Umzug ihres Mannes in diese Gemeinschaft.

Das Gespräch mit ihr hat mich sehr berührt und mir noch einmal ganz klar vor Augen geführt, dass sich der Traum eines geruhsamen Lebensabend mit seinem Partner für viele Menschen leider nicht erfüllt. Es macht deutlich, wie wichtig solche Wohnalternativen sind, wenn Angehörige Unterstützung benötigen. Die Zusammenarbeit mit dem Angehörigenrat, der über organisatorische Fragen und auch neue Einzüge in der Wohngemeinschaft entscheidet, ist dabei ebenso wichtig, wie die Einbindung der Angehörigen selbst.

In der Wohngemeinschaft hat jeder seine eigenen, von ihm gemieteten Räume. Die Pflege- oder hauswirtschaftlichen Leistungen werden nach Bedarf dazu gebucht. So schwer diese Situation für die Betroffenen auch ist, diese individuelle Betreuung und die Möglichkeit für den Erkrankten, sich richtig zu Hause zu fühlen, macht es für alle ein Stückchen leichter.

Bild: advita Pflegedienst GmbH
Bild: advita Pflegedienst GmbH

Interview:

Frau K. wie sind Sie überhaupt zu dem Entschluss gekommen, dass dies die beste Lebensform für ihren Ehemann ist? Von wem haben Sie von dieser Demenz-WG erfahren?

Vom Krankenhaus und dann von der Reha in Bennewitz. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich meinen Mann nicht nach Hause bekomme, weil ich die Pflege nicht übernehmen kann. Er bekam ja Nachts Sauerstoff und wurde künstlich ernährt. Da wurde mir gleich gesagt, ich müsste mich um einen Pflegeplatz kümmern.

Und dann sind Sie auf die Suche nach einem geeigneten Platz gegangen?

Ja, und leider sind es bloß dann nur drei Häuser gewesen, die ihn aufgenommen hätten. Und dann hat mir die Hausärztin das hier empfohlen. Das war, glaube ich, zum damaligen Zeitpunkt erst ein halbes Jahr eröffnet und da hatten wir uns direkt informiert und bekamen eine Zusage für seine Aufnahme. Dann war er im selben Haus zuerst in der Intensivpflege (ITS).

Also, Ihre Entscheidungskriterien waren letztendlich, nicht nur der geringen Auswahl geschuldet, wo Ihr Ihr Mann generell reingepasst hätte, sondern eben auch die Tatsache, dass sein gesundheitlicher Zustand so schlecht war, dass man auch spezielle Anforderungen benötigt hat?

Ja, allerdings was mich am meisten bei der Suche gestört hat, dass wir in manchen Heimen als erstes gefragt wurden „Können sie das überhaupt bezahlen?“. Da waren wir so enttäuscht, in zwei Häusern sind meine Tochter und ich sogar aufgestanden und gegangen. Ich dachte, das kann nicht wahr sein, hier wird nach den Finanzen gefragt und nicht nach der Krankheit des Menschen. Das hat uns schockiert!

Der Unterschied ist ja, dass das kein Heim hier ist, sondern eine Demenz-WG. Wussten Sie das damals, was der Unterschied zu einem Heim ist? Wer hat Ihnen das erklärt oder Ihnen das gesagt?

Ich kann mich jetzt nicht mehr an den Namen der Frau erinnern, die uns darüber aufgeklärt hat. Sie hat uns gesagt, dass das hier kein Pflegeheim ist, sondern eine autarke Wohngemeinschaft und dass jeder hier auch sein eigenes Zimmer angemietet hat und die Aufenthaltsräume eben gemeinsam zu nutzen sind. Mir war es sehr wichtig, dass mein Mann vormittags zur Tagespflege gehen kann, dass er dort etwas mitmacht und wieder etwas lernt. Diese Möglichkeit zu haben, war bei der Entscheidung sehr wichtig.

Seit wann ist ihr Mann krank, also der Zeitraum, vom ersten Schlaganfall bis jetzt?

Also, insgesamt sind das jetzt 3 Jahre.

Und wann war sein Rückfall in dieser Zeit?

Also, vom ersten Schlaganfall und seinem Infarkt mit dem Rückfall danach – das ist alles innerhalb von einem dreiviertel Jahr passiert.

Und die Entscheidungskriterien letztendlich für diese Demenz-WG, was war denn der ausschlaggebende Punkt?

Wir haben uns mit der Familie beraten und uns wurde genügend Zeit gelassen, uns zu entscheiden. Wir waren uns dann alle einig, dass das hier die beste Lösung wäre.

Erstens habe ich es nicht weit, ich kann jeden Tag hier her kommen, wann immer ich möchte, was ich ja auch gemacht habe in der ersten Zeit. Erst seit dem letzten halben Jahr bin ich nicht mehr täglich hier, weil ich selbst nicht mehr so kann. Mein Mann hat auch darauf gewartet, dass ich ihn besuche, er wusste auch, dass ich jeden Tag hier erscheine.

Das wäre jetzt gleich meine nächste Frage, wie das mit dem Eingewöhnen war. Wie lange hat es denn gedauert, bis sich ihr Mann eingelebt hat?

Ich weiß es nicht,....er äußert sich ja nicht dazu. Das einzige worüber wir uns immer wieder gewundert haben, die Kinder und auch ich, dass er nie die Frage gestellt hat, „wann kann ich nach Hause?“. Diese Frage ist nie gekommen. Darüber wundern wir uns heute noch.

Also, kann man sagen, dass er sich vielleicht sogar hier von Anfang an zu Hause gefühlt hat? Das ist ja möglicher Weise ein gutes Zeichen und für Sie ein bisschen beruhigend, sagen wir mal so. Aber wie hat sich denn das für sie angefühlt?

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: grausam, ich bin damit nicht fertig geworden. Ich habe immer wieder gefragt „wann kann ich ihn nach Hause nehmen?“ und die Ärzte und auch der Neurologe haben mich darauf hin gefragt „Haben Sie denn jemanden, der auf ihn aufpasst, wenn Sie aus dem Haus gehen?“ Auf meine Antwort „nein, das habe ich nicht“ wurde mir verständlich gemacht, dass ich ihn nie mehr nach Hause nehmen kann. Er verliert ja die Orientierung, er kann nicht lesen, er kann nicht schreiben, was er schreibt, er hat ja jetzt wieder versucht etwas zu schreiben, kann keiner lesen. Er kann es uns auch nicht erklären. In seinem Kopf ist das klar, aber er bringt es nicht raus.

Hat er denn vor dem Schlaganfall schon größere gesundheitliche Probleme gehabt?

Mein Mann hatte jahrelang hohen Blutdruck,  Diabetes und einen Herzschrittmacher. Als er 2006 den Herzschrittmacher bekam, wurde er das erste mal überhaupt richtig durchgecheckt. Erst da wurde festgestellt, dass er auch Diabetiker ist und dass er mehrmals am Tag gespritzt werden muss. Die Medikamente und die Spritzerei haben ihn ja auch aufgeschwemmt, er ist totunglücklich, dass er einen dicken Bauch hat ....

....das stört ihn?

Ja, das stört ihn und ich habe auch mit den Schwestern abgesprochen, dass sie ihn unterstützen sollen und ihm nicht so große Portionen geben. Sie sollen ausprobieren, ob er es selbst durchhält. Und so wie es aussieht, klappt es.

So entscheidet er ja indirekt selbst, wenn ihm die Portionen ausreichen.

Mich würde noch interessieren, ob Sie Unterstützung oder Beratung oder irgend etwas in der Form von außen bekommen haben, als Sie in dieser Situation steckten „was mache ich jetzt mit meinem Mann?“

Wir haben das immer mit den Kindern besprochen. Sie haben mir gesagt „Mutti, Du bist auch nicht mehr die Jüngste und gesundheitlich angeschlagen, Du kannst den Vati nicht nach Hause nehmen. Das schaffst Du nicht.“ Und ich sehe das jetzt auch ein. Ich würde das nicht schaffen, ich habe mit mir selbst zu tun im Moment.

Ja, das ist in der Tat sehr anstrengend, sowohl körperlich als auch von der psychischen Belastung.

Ja ganz genau. Wenn ich jetzt einkaufen gehe und ihn mitnehmen müsste und würde zu ihm sagen, „Du bleibst jetzt hier sitzen und ich gehe jetzt in die Kaufhalle einkaufen“ ...ich weiß nicht, wenn ich dann wieder rauskomme, ob er da noch da sitzen würde. Diese Gefahr im Nacken, ich hätte keine Ruhe beim Einkaufen. Ich könnte ihn auch zu Hause in der Wohnung nicht einschließen, wenn ich aus dem Haus gehen müsste, ich wüsste ja nicht, was er inzwischen anstellt. Obwohl, sie sagen mir hier, er benimmt sich hier sehr anständig und sehr ruhig, ja, aber ich weiß nicht was passieren würde, wenn ich mit ihm alleine wäre.

Die Hausärztin hat damals mit Ihnen gesprochen und hat Ihnen mehr oder weniger den Tipp gegeben?

Ja, die macht auch hier noch die Hausbesuche bei ihm. Das habe ich mit ihr abgesprochen, weil sie auch Patienten hier unten im Betreuten Wohnen hat und da habe ich Sie gefragt, ob sie ihn mit übernehmen würde, da hat sie gesagt „Selbstverständlich“. Und im Moment ist sie mit seinem Zustand zufrieden.

Und er freut sich, wenn Sie ihn immer besuchen kommen?

Ja, er freut sich und das bekommt er alles noch mit und versteht das auch, er kann das nur nicht wiedergeben, was er sich in seinem Kopf zurecht gemacht hat. Schreiben, Lesen, das klappt eben gar nicht und mit Geld könnte er nie mehr umgehen. Ich habe ihm manchmal Geld hingelegt und ihn gefragt, ob er mir mal erklären kann, was das ist. Das wusste er nicht, er ist komplett raus...

Dann ist er schon sehr gut aufgehoben hier.

Wie werden denn organisatorische Fragen in der WG geklärt?  

Ja, da kann ich zu jedem hingehen, ich bekomme immer eine anständige Auskunft, da gibt es gar keine Probleme. Und wenn ich von den Schwestern was nicht aufgeklärt kriege, dann gehe ich zu Herrn Wagner.

Das ist jemand aus dem Angehörigenrat?

Ja, und in der Versammlung können wir das auch alles gemeinsam besprechen.

Da gibt es regelmäßige Versammlungen?

Ja, die sind regelmäßig, einmal im Jahr auf alle Fälle. Jetzt wird auch wieder eine Weihnachtsfeier gemacht im Dezember und Sommerfeste haben wir mit den Bewohnern zusammen gefeiert. Das klappt alles sehr gut.

Ich muss auch ganz ehrlich sagen, ich kann mir kein Urteil von anderen Häusern erlauben, ich kenne jetzt nur diese Demenz-WG hier. Ich kenne auch niemand, der mir sagen kann, ob es woanders besser oder schlechter ist.

Wichtig ist ja, wie Sie beide das jetzt hier empfinden. Nicht zum Vergleich mit anderen Unterkünften, sondern wie sie mit dieser Wohnform zurecht kommen, ob Sie und Ihr Mann zufrieden sind und ob sie die nötige Unterstützung bekommen, die Sie benötigen, auch durch den Angehörigenrat.

Ja, da kann ich jederzeit hier her kommen und jemanden fragen, wenn ich Probleme habe.

Das finde ich wunderbar, da freue ich mich für Sie, dass Sie hier in ihrer Situation gut zurecht kommen und Ihren Mann so gut aufgehoben wissen.

Ich bedanke mich für das angenehme Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute.

Kontakt:

advita Pflegedienst GmbH
Kantstraße 151
10623 Berlin
www.advita.de

 

 

Autoren

Karin Demming

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

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