Pflegestärkungsgesetz II

20. Juli 2016 Lesezeit:
Was verbirgt sich hinter dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff? Mit der Einführung des neuen Pflegestärkungsgesetzes II verspricht die Bundesregierung eine Verbesserung der Pflegeleistungen ab dem Jahr 2017. So soll es statt drei Pflegestufen nun fünf Pflegegrade geben, um eine individuellere Pflege für alle Pflegebedürftigen zu ermöglichen. Außerdem sollen demenziell erkrankte Menschen gleichberechtigte Leistungen erhalten, denn der Fokus wird nun auf den Grad der Selbständigkeit im Alltag gelegt. Unsere praxiserfahrene Autorin zeigt uns die Kehrseite der Medaille.

Unsere Bundesregierung – hier im speziellen Bundesgesundheitsminister Gröhe – hat es nicht einfach. Die „Alten“ werden irgendwie immer mehr, die Jungen immer weniger und die finanzielle soziale Decke ist sowieso immer zu kurz.

Also mußte eine Lösung her und die heißt: Pflegestärkungsgesetz.

Am 01 Januar 2017 tritt die zweite Stufe in Kraft.

Von der ersten hat die Bevölkerung so gut wie nichts mitbekommen (das Thema eignet sich nicht mal fürs Sommerloch, weil heikel) – die Stufe II aber wird sich kollektiv bemerkbar machen für alle die, für die Pflege und Pflegebedürftigkeit innerhalb der Familie ein Thema ist und das sind in Deutschland nicht wenige.

Pflegestärkungsgesetz II. Was genau heißt das denn?

Das heißt, dass es ab Januar 2017 keine Pflegestufen mehr geben wird, sondern sogenannte Pflegegrade. Die bereits heute bestehenden Pflegestufen (1 bis 3) werden in diese Grade (1 bis 5) gewandelt.

Gleichzeitig werden für Menschen, die im Heim leben oder beabsichtigen, in ein Heim zu ziehen, die Zuzahlungsbeträge, die privat (also zu dem Betrag, welche die Pflegekasse übernimmt) einheitlich berechnet.

Für an Demenz Erkrankte zahlen die Pflegekassen künftig mehr an Zusatzleistungen. Das klingt erst einmal gut.

Was dabei nicht publik gemacht wird, ist, dass die höheren Ausgaben für an Demenz erkrankte Personen bei Menschen, welche „nur“  körperlich eingeschränkt sind, wieder „hereingeholt“  werden, indem (vor allem in der mit Abstand am häufigsten erteilten Pflegestufe I) die Zuzahlung der Pflegekasse für einen Heimplatz drastisch reduziert wird. Man kann sagen, dass das, was der einen Erkrankungsgruppe mehr zu Teil wird, für die  andere Gruppe nicht mehr zur Verfügung steht.

Im Klartext bedeutet das, dass sich künftig nur wenige alte Menschen mit „lediglich“ körperlichen Einschränkungen und dem daraus resultierenden Hilfebedarf einen Heimplatz werden leisten können, denn noch ist völlig unklar, inwieweit die Sozialämter diese Lücke schließen werden.

Das ist allerdings politisch auch so gewollt.

Ambulant vor stationär heißt die Devise, denn selbst, wenn im ambulanten Bereich die Pflegegelder angehoben werden, ist es für die Pflegekassen immer noch billiger, als Heimplätze zu finanzieren.

Wo allerdings das Personal für die Menschen in der Häuslichkeit bei den ambulanten Pflegediensten herkommen soll, die heute schon vielfach am Limit arbeiten, ist der winzige Punkt, den das Pflegestärkungsgesetz II nicht berücksichtigt – aber man sollte nun wirklich nicht so kleinlich sein, darüber nachzudenken.

Außerdem gibt es ja da noch Familienangehörige (in aller Regel die Töchter oder Schwiegertöchter), die, weil sie ja oft sowieso schon weniger als der Partner verdienen oder Teilzeit arbeiten, auch gleich ganz zu Hause bleiben können. Da können sie dann als Pflegende (und Pflege kann ja nun wirklich jeder, der zwei gesunde Hände hat) eine dankbare Aufgabe für das Gemeinwesen erfüllen.

Dass sie dabei u.U. später selbst zu Sozialfällen werden, da sie über Jahre nichts für ihre eigene Rente einzahlen bzw. ansparen können (so viel gibt das ambulante Pflegegeld bei aller Aufstockung nun doch nicht her und bedauerlicherweise muss davon auch noch das eine oder andere für den Pflegebedürftigen ausgegeben werden) sollte nun nicht so kritisch gesehen werden, denn irgendwas ist ja immer.

Wenn Sie noch mehr über Lösungsvorschläge unserer Bundesregierung zur Eindämmung des Pflegenotstandes erfahren wollen, empfehle ich Ihnen den nächsten Beitrag zu Thema „generalisierte Pflegeausbildung in Deutschland, wohin führt das die Altenpflege in den nächsten Jahren und wer profitiert davon?“

Es bleibt spannend!

Autoren

Elisabeth Mai

Elisabeth Mai

Die in Leipzig lebende Heimleiterin eines Seniorenwohn- und Pflegeheimes arbeitet nebenbei seit vielen Jahren auch in der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Gerontopsychiatrie Leipzig und hilft, wenn es ihre Zeit erlaubt, im Restaurant des Herzens ehrenamtlich aus. www.hesena.de

Karin Demming

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

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