Wie sehen Gemeinschaften heute aus?

6. August 2016 Lesezeit:
Uns Menschen zog es immer zueinander. Wir teilten stets gern auch den engsten Lebensraum und die Ressourcen miteinander. Gleichzeitig verkörperten wir auch das größte Feindbild füreinander – mehr als alle Naturgewalten und wilden Tiere zusammen. Das ist wohl die Bürde der Dualität, in der wir uns im Spiel des Lebens befinden.

Seit Anbeginn des Menschseins und noch lange, lange davor war die Gruppe der Garant unseres Überlebenserfolges. Den Erfolg als solchen garantiert sie bis heute. Ob als Organisation, Unternehmen oder Vereinigung, die gemeinsame Vision und vereinigte Kraft einiger Weniger steht weit über dem Alleingang eines "Lonesome Cowboys". 

In der heutigen Vereinzelungs- und Konkurrenzgesellschaft ist es kaum noch präsent, dass die Ansammlung ähnlichen Tuns Garant des Erfolges ist. So bildeten sich schon in der frühen Zivilisation Ansässigkeitsmagnetismen ähnlicher Handwerkskünste. Daraus entstanden dann, heute nur noch dem Namen nach wahrnehmbar, die Stadtviertel der Weber, Gerber, aber auch der Gold- und Silberschmiede. Das Wohnen und Wirken am selben Ort sowie die unmittelbare Nähe Gleichgesinnter wurde stets als Qualität wahrgenommen. Mit dem Anwachsen der Siedlungen entwickelten sich auch größere Organisationsstrukturen von Gemeinschaftlichkeit. Zum Beispiel wuchsen orts- und tätigkeitsgebunden die Zünfte und Gilden in den mittelalterlichen Städten. Natürlich spielte auch die Wehrkraft eine Rolle im subjektiv empfundenen Gefühl von Sicherheit gegenüber der wildesten aller Bestien - den anderen Menschen in den anderen Siedlungen. 

So sehr wir uns auch gegen diese Bestie zur Wehr setzten, es half nichts. Wo die Gemeinschaft im Kleinen zum Erfolg verhalf, so versagte sie schlussendlich komplett in der Schaffung von Sicherheit innerhalb unserer eigenen Spezies - und nur hier. Vielleicht sollten wir diesen Gemeinschaftsantrieb künftig einfach lassen! 

Aber zurück zu funktionierenden Ansätzen.
Je größer das Bewusstsein um gesellschaftliche Zusammenhänge war, je mehr wir uns regionalen Ähnlichkeiten klar wurden, um so größer wurden auch die Formen von Gemeinschaften. Neben Stammesgruppen entstanden erste Nationen, später deren Bunde und in jüngster Gegenwart Bündnisse besagter Bundesnationen. 

Gleichzeitig brachte die Siedlungsentwicklung deutlich kleinere Gruppen zum Vorschein, die seit der Steinzeit kaum noch auftraten. Trockenlegung von Sümpfen und Überschwemmungsgebieten brachte neues Land. Völkerwanderungen wie die der Schwaben entlang der Donau oder Hugenotten in den Oderbruch brachten großfamilienorientierte Siedlungskonstruktionen um einen gemeinsam betriebenen Hof. Hier waren jedoch schon starke hierarchische Strukturen zwischen der direkten Blutslinie des besitzenden Bauern und dem mitwirkenden Gesinde zu erkennen. 

Mit der Industrialisierung kam, nebst großer Mengen glücksuchender Menschen in die entstehenden Ballungszentren, auch eine Mittelschicht auf. In der "Beletage" der stuckgeschmückten Gründerzeithäuser siedelten sich Kaufleute, Händler sowie andere mannigfaltige "Bessergestellte" des städtischen Geschehens. Sie brachten ein neues Bild der scheinbaren Glücksgemeinschaft mit sich. Finanziell deutlich besser gestellt, von Bediensteten umgeben, lebte erstmals in der städtischen Siedlungsgeschichte eine Biedermeier-Kleinfamilie anfassbar nah mitten in einer Arbeitergegend. Häufig als Besitzer des Straßenladens im selben Gebäude oder Inhaber einer Manufaktur im hinteren Teil des Wohnhofes. 

Die Vorderhaus-Bilderbuchfamilie aus der Beletage - die neidvoll beäugte, scheinbare Konstruktion von Glück -  wurde der Nährboden für die Kleinfamilie der Nachkriegszeit. In den 1930er Jahren wurde jedoch noch bevorzugt die kinderreiche Familie im ländlichen und kleinstädtischen Bereich zum Idol des gemeinschaftlichen Miteinanders propagiert. Vor dem Hintergrund der geplanten, nationalen Expansion schien dieses Bild das vielversprechendste für die Produktion und den Nachschub an Soldaten. 

Mit diesem Bild tauchen wir ein in eine wenig rühmliche Periode der Entwicklung gemeinschaftlicher Strukturen, die uns im Verlauf der Artikelserie in noch tiefere Wirren des Kaninchenbaus führen wird, um schlussendlich das rettende Ufer der Gemeinschaftskonstruktionen aufzuzeigen. Doch bis dahin knöpfen wir uns noch einmal im nächsten Artikel die Konstruktion des Leidensdrucks im Gemeinschaftsthema vor, um seine "Medikation" erst wesentlich klarer und deutlicher erkennen zu können.

Autoren

DerPHILANTHROPIANIER

DerPHILANTHROPIANIER

Der Architekt und Inhaber einer Berliner Tango-Schule Markus Peter Ibrom schreibt unter verschiedenen Pseudonymen. Er initiiert und betreut Wohn- und WirkensGemeinschaften seit gut einem Dutzend Jahre. Als Visionär setzt er sich praktisch für die Verwirklichung des Wahlverwandtschaftsgedankens ein. www.philanthropianier.org

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