Wohngemeinschaften sind Wertegemeinschaften

20. Februar 2016 Lesezeit:
Mit Mut, Freude und Lust am Abenteuer gemeinsam neue Wege gehen.Von Franz-Josef König

Der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement veranlasste mich vor 2 Jahren im Rahmen eines Vortrags erstmals intensiver über mein Leben im Alter nachzudenken. „Früher bestand unser Leben aus drei Phasen,“ so war seine These. „Zukünftig wird es aus vier Phasen bestehen.“ Er erklärte dies damit, dass sich zwischen der Phase des aktiven Berufslebens und dem anschließenden Ruhestand ein neuer Lebensabschnitt entwickelt, den frühere Generationen so nicht kannten und erlebt haben. Es ist die Zeitspanne zwischen dem 60. und 75. teilweise 80. Lebensjahr. Immer mehr Menschen erleben diese Lebensphase als eine besondere Zeit. Eine gute Gesundheit, ein ausreichendes Einkommen, weniger Belastungen und eine gehörige Portion an Lebenserfahrungen führen dazu, dass wir unser Leben auch in dieser Altersphase aktiv gestalten und uns neuen Herausforderungen stellen können. Häufiger als früher erfahre ich von Menschen, die noch mit einem Studium beginnen, ein anspruchsvolles Ehrenamt übernehmen oder sich sogar eine neue berufliche Existenz aufbauen, die ihnen noch bis ins hohe Alter ein Einkommen sichert.

Eine Frage bleibt dabei jedoch meist unbeantwortet: „Wie wollen wir in dieser Lebensphase leben?“ Insbesondere das von vielen geschätzte Eigenheim kann uns eher hindern als nutzen, um unsere Träume zu verwirklichen. Welches Umfeld brauchen wir, um inspiriert zu werden? Wer unterstützt uns bei der Realisierung unserer neuen Ziele? Wo können wir am besten unsere Kreativität ausleben? Wo erhalten wir Impulse, Kritik, Anerkennung und Mitgefühl, damit unsere Phantasie die Grenzen überschreitet, die wir uns oft selbst gesetzt haben. Für mich gibt es darauf nur eine Antwort – in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Eine Veränderung meiner Lebensumstände hat immer zu einer Veränderung meines Lebensumfeldes geführt.

Wenn ich mir selbst die Frage nach meiner zukünftigen Lebensform stelle und meinen bisherigen Lebensweg verfolge, stelle ich eine prägende Entwicklung fest. Ich habe mein Lebensumfeld immer verändert, wenn sich meine Lebensumstände verändert haben - vom eigenen Zimmer im Elternhaus in das kleine Zimmer im Lehrbetrieb und dann in die Studentenbude, von dort in die erste gemeinsame kleine Wohnung mit meiner Frau, dann der Wechsel in eine größere Wohnung nach dem ersten Kind und letztlich der Einzug in das Einfamilienhaus, als sich die Familie vergrößerte. Und was steht jetzt an, wenn die Kinder das Haus verlassen haben und erneut eine neue Lebensphase beginnt?

Der Gedanke an eine Veränderung ist einerseits verlockend, andererseits beängstigend. Es ist reizvoll, Pläne über die Zukunft zu schmieden und mit den vielen Erfahrungen des Lebens noch mal neu zu beginnen. Könnte das Leben in einer Wohngemeinschaft für uns das Richtige sein? Verunsicherung kommt auf, wenn ich an die negativen Folgen denke. Wollen wir wirklich noch einmal ein solches Risiko eingehen? Was ist, wenn es schief geht? Können wir unsere Zukunftspläne nicht auch hier verwirklichen? Unter welchen Umständen würden wir ernsthaft über ein Leben in einer Wohngemeinschaft nachdenken? Was müsste passieren, damit wir diesen Schritt auch wirklich gehen?

Eine Gemeinschaft hat gemeinsame Werte

Eine Gruppe hat gemeinsame Interessen, ein Team ein gemeinsames Ziel und eine Gemeinschaft hat gemeinsame Werte. Eine Wohngemeinschaft kann meines Erachtens nur funktionieren, wenn sie sich auch als Wertegemeinschaft versteht. Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Toleranz und Verantwortung sind Werte, die für mich in diesem Zusammenhang unverzichtbar sind. Es geht aber auch um die Freiheit. Die Freiheit des einzelnen hört da auf, wo sie die des anderen einschränkt. Diese Maxime muss auch in einer Wohngemeinschaft gelten. Unsere Gesellschaft ist jedoch von einer zunehmenden Egozentrik geprägt. Freiheit verstehen viele als grenzenlose Freiheit ohne Rücksichtnahme auf andere. Diese Einstellung passt nicht zu einer Gemeinschaft. Wer sich also für eine Wohngemeinschaft entscheidet, entscheidet sich auch für eine Wertegemeinschaft. Das geht nur dann, wenn man sich seiner eigenen Werte bewusst ist und sie deutlich gegenüber anderen artikulieren kann. Gemeinschaftliches Leben setzt Kompromissbereitschaft voraus und die Auseinandersetzung mit den Werten des Anderen. Die Gründung einer Wohngemeinschaft verstehe ich folglich als einen Prozess der gegenseitigen Annäherung. Er muss mit Achtsamkeit, Verständnis und in Ruhe gestaltet werden. Jeder leistet seinen Beitrag und so entsteht aus unterschiedlichen Impulsen vieler ein neues Gemeinsames.

Ich kann mir ein Leben in einer Wohngemeinschaft als Wertegemeinschaft gut vorstellen und sehe dies auch als eine aktive Vorbereitung meiner vierten Lebensphase. Entscheidend dabei ist, Menschen zu finden, die den Mut haben, sich auf dieses Abenteuer einzulassen und die Herausforderung annehmen, gemäß Hermann Hesse: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

 

Kontakt

Franz-Josef König
König-Strategie GmbH
Tel.: 0 26 07 – 97 31 560

Autoren

Franz-Josef König

Franz-Josef König

Der Autor lebt in der Nähe von Koblenz an der Mosel. Seit vielen Jahren begleitet er Menschen und Organisationen in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen. Er moderiert Workshops zur Gemeinschaftsbildung und hält Vorträge zu diesem Thema.

www.anders-denken-anders-leben.de

 

 

Karin Demming

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

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