Wie sind Gemeinschaften entstanden?

6. Juli 2016 Lesezeit:
Wie lange sind wir Mensch? Laut der Wissenschaft begann sich der Homo Sapiens vor 700.000 Jahren als in Gemeinschaften lebendes Wesen zu entwickeln - seine Vorfahren "gemeinschafteten" bereits vor zwei Millionen Jahren. Die Fähigkeit zur Sprache erlangten wir - na sagen wir, vor rund 100.000 Jahren. Bis zur "Neolithischen Revolution" (Sesshaftwerdung des Menschen) vor rund 12.000 Jahren zogen sie bzw. ihre Vorfahren in Gruppen hinter dem Wild her.

Wir können annehmen, dass die Gruppengrößen ähnlich denen der uns bekannten nomadisierenden Urvölker im eurasischen, afrikanischen und australischen Raum waren - also rund ein bis drei Dutzend Menschen.

Was bedeutet das? 

Soll heißen, dass wir, bedingt durch unsere Lebens- und Jagdweise, überwiegend auf non-verbale Kommunikation innerhalb einer "Gemeinschaft" angewiesen waren und erst mit der Sesshaftwerdung und Bildung von Dorf- sowie Stammesgemeinschaften die Sprache zur Weitergabe von Informationen innerhalb der einzelnen Gruppen an Bedeutung gewann. 

Zwei Millionen Jahre non-verbale Kommunikation und Leben in ein paar Hände großen Gruppen hinterlassen definitiv ihre Spuren! Eine Basis-Gemeinschaft zeichnet sich demnach durch die Tatsache des täglichen Umgangs miteinander aus. Das Teilen bzw. Bewältigen der unmittelbar zum aktuellen Leben notwendigen Tagesaufgaben ist ein weiteres Indiz der fundamentalen Größe einer Gruppe. Das steckt einfach tief in unserem Unterbewusstsein und in unseren Genen. Dessen müssen wir uns stets besinnen.

Dorfgemeinschaften sowie Hirtenstämme erreichten in der Folgezeit, also den genannten 12.000 Jahren, bis zur Gründung der ersten Städte in der Regel eine Größe von 100 bis 200 Menschen. Laut aktuellen Erkenntnissen der Soziologie sind wir auf der Verstandesebene derzeit tatsächlich in der Lage, bis zu 150 Menschen "die Unseren" zu nennen und mit ihnen dauerhafte und stabil-soziale Bindungen über lange Zeiträume aufzubauen und zu erhalten. Ähnlich klar ist, dass ohne Geld, mit welchem Leistungen eingekauft werden könnten, es mindestens ein Dutzend Erwachsene braucht, um autark zu leben und gesunde Genetik aufrechtzuerhalten. 

Seit der Gründung Jerichos, der wohl ältesten Stadt der Welt, vor rund 10.000 Jahren probieren wir Menschen uns in immer neueren Formen des Zusammenlebens in Ballungszentren aus. Wir ahmen Termiten und Ameisen nach, fallen wie Heuschrecken in neue Gebiete ein und suchen Sicherheit bzw. Geselligkeit in Fischschwärmen ähnlichen Kolonien. Klar erkennbar ist, dass wir weder Fische, noch Insekten sind und uns in zu großen Gruppen viel eher reptilartig verhalten - unter Stress um uns beißen, für uns allein horten und unter Millionen  Artgenossen nur an uns denken.

Die Erfahrung, in einem begrenzten Raum unbegrenzt wachsen zu wollen - und sei der Raum nur geistiger Natur - scheint an ihre Grenzen gelangt zu sein.
Während weit die meisten Menschen auf dieser Welt immernoch in sozial relativ gesunden Gemeinschaften zwischen einem Dutzend und 150 Menschen leben, so haben wir in den Städten und Großstädten dieser Welt bewiesen, dass eine hohe Zahl und Dichte an Menschen unsere Sozialfähigkeit übersteigt. Am Ende reduzieren wir uns auf uns allein und auf das ganz private Überleben. 

Die Industrialisierung war der Anfang der Vereinzelung. Dem Mammon hinterher, jeder für sich, verließen viele Menschen die vertrauten ländlichen, sozialen Strukturen und damit auch ihre soziale Gesundheit. Der Preis des Fortschritts war die Vereinzelung. Anfangs noch kaum wahrgenommen in den familiär geführten Großbetrieben der Vorkriegszeit. Doch bereits hier war die Alleinerziehung im Volk in den Ballungszentren Gang und Gäbe. Diese soziale Entwurzelung machte meiner Meinung nach erst den entpersonifizierten Soldaten der beiden Weltkriege möglich. Die Nation wurde zur Gemeinschaft. Die Berufsuniform - ob Soldat, Postbote, Student oder Lehrer - zum Zuhause. 

Und nun schweige ich mich über die Zeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. Vielleicht sei hier noch angemerkt, dass diese Zeit die Brutstätte des Kleinfamilien-Gedankens war. Politisch gewollt, vom Kapital gefordert, dem hungrigen Ungeheuer des Konsums zum Fraß hingeworfen. Bis heute krankt die Gesellschaft sozial an der Kleinfamilien-Entwicklung. Wir wurden zu guten Untertanen, stets überfordert, am Rande des Leistbaren, mediengesteuert und zum Konsum verdammt. Doch bevor alles Grau in Grau wurde, schien der Schmerz der Vereinzelung groß genug gewesen zu sein, auf dass sich in den 1960ern etwas Neues regte. Zuerst aufbegehrend, dann formend und suchend nach sozialer Gesundheit in Gemeinschaft. 

Aber das ist die nächste Geschichte – die nächste in dieser Artikel-Serie – Jüngere Konstruktionen der Gemeinschaftlichkeit — Wie sehen Gemeinschaften heute aus?

Autoren

DerPHILANTHROPIANIER

DerPHILANTHROPIANIER

Der Architekt und Inhaber einer Berliner Tango-Schule Markus Peter Ibrom schreibt unter verschiedenen Pseudonymen. Er initiiert und betreut Wohn- und WirkensGemeinschaften seit gut einem Dutzend Jahre. Als Visionär setzt er sich praktisch für die Verwirklichung des Wahlverwandtschaftsgedankens ein. www.philanthropianier.org

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