Hof Tomte – Ein Hofprojekt als Forschungsraum für ein gerechtes soziales Miteinander

22. November 2021 Lesezeit: Interview, Home Story, Lebenskonzept
Wie weit sich die meisten Menschen von der Natur und den damit verbundenen natürlichen Kreisläufen entfernt haben, spürt man, wenn man sich mit Norbert Marschall vom Hof Tomte unterhält. Der leidenschaftliche Landwirt hat schon als Kind von einem Leben in einer Hofgemeinschaft geträumt. Im Interview erzählt er uns was es braucht, damit Landwirtschaft und das Recht der Natur nicht im Gegensatz zueinanderstehen und welche Rolle dabei die Entwicklung freier Bildungsräume spielt.
Leben in einer Hofgemeinschaft– vorgestellt bei bring-together
Landwirt aus Leidenschaft – Norbert vom Hof Tomte ©Franziska Marschall

Interview mit Norbert Marschall

Kannst Du Dich bitte kurz vorstellen?

Norbert Marschall, 66 Jahre alt, Vater von 6 Söhnen, Demeter Landwirt und Waldorfpädagoge. Projektentwickler u.a. für SOS Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden oder einer Camphill Dorfgemeinschaft auf Vancouver Island, BC, Canada. 25 Jahre Arbeit, Zucht und Ausbildung von Kaltblutpferden, Lehrlingsausbildung, diverse Veröffentlichungen und Vortragstätigkeiten.

Der Mensch und die Natur waren immer für mich die Motivation und auch die Fragestellung. Konkret bedeutet das, wie kann ich der Natur zu ihrem Recht verhelfen, also für das Recht der Natur eintreten? Und gleichzeitig, wie kann ich ein Gleichgewicht zwischen dem Recht der Natur, nämlich zu sein und der Landbewirtschaftung (was ja oft ein großer Widerspruch ist) herstellen?

Und...wie kann ich nicht privilegierten Menschen helfen ihr Potenzial, so gut wie es geht zu entdecken und in Erscheinung zu bringen? Und... wie kann ich beides miteinander verbinden?

Wie bist Du zum Hofprojekt gekommen?

Nachdem wir aus Canada 2017 zurück waren, kam das starke Bedürfnis auch sesshaft zu werden. So suchten wir im Internet und anderswo nach Höfen und arbeiteten, sozusagen nebenher, auf verschiedenen Höfen mit. Wir sind unzählige Kilometer Land auf Land ab gefahren und haben dutzende Plätze angeschaut. 2019 ploppte dann der Hof auf, wo wir jetzt leben. Es war uns sofort klar, »das isses«.

Mit wenigen Ausnahmen habe ich immer auf Höfen gelebt. Mit 15 hatte ich einen Traum von einer ländlichen Dorf- oder Hofgemeinschaft, immer wieder, ganz real in der Nacht und mir war immer klar, so will ich leben. Und diesen Weg bin ich dann gegangen.

Und das tun wir jetzt wieder, allerdings unter dem Motto von Karl-Friedrich Schumachers Buch »small is beautiful: Die Rückkehr zum menschlichen Maß«. Ein sehr lesenswertes Buch, leider nicht sehr populär im deutschsprachigen Raum.

Der Hof Tomte mit Gemüsefeld – Nachhaltiges Leben auf dem Hof – vorgestellt bei bring-together
Hofansicht mit Gemüsefeld – Hof Tomte im Spätsommer – © Franziska Marschall

Was sind die 5 essentiellen Merkmale, die den Hof Tomte ausmachen? Was sind Eure Handlungsziele?

1. Klar ist, dass wir weltweit in einem Boot sitzen. Klar ist auch, dass wir global und regional neue Denk-, Fühl- und Handlungskonzepte entwickeln. Danach und deshalb auf Platz 1 ist, was wir u.a. konkret selbst dazu beitragen können. Ein anderer Umgang mit Geld. Wir trennen z.B. Arbeit und Einkommen. Das heißt niemand bekommt Geld für seine Arbeit, denn die tut er nicht für Geld, sondern für andere Menschen oder für die Natur. Geld bekommt jemand nur, weil jeder das gleiche Recht auf Teilhabe am öffentlichen Leben und dem Erhalt seines Lebens hat. Das bedeutet nicht, dass jeder das gleiche bekommt, sondern z.B. eine alleinerziehende Mutter mit ein/zwei Kindern bekommt mehr als ein alleinstehender Firmenchef (soweit dieser bei uns leben wollte (:-). Dies nur in aller Kürze zu diesem Thema.

2. Wir sind klar gemeinwohlorientiert. Das bedeutet, dass zum Beispiel der Hof und das Land nicht in Privatbesitz sind. Wir sind Erbbaupächter für 99 Jahre. Der Hof und das Land kann nicht mehr als Spekulationsobjekt genutzt und verkauft werden. Was für uns eine wirkliche Wohltat ist. Wieviel unglaubliches Unrecht läuft weltweit durch Landspekulation ab! Hier bei uns nicht mehr. Dies war möglich, weil die Stiftung Trias mit uns zusammenarbeitet.

3. Wir streben Konsensentscheidungen an, jeder sollte aber sein Verantwortungsgebiet haben oder entwickeln und dort auch Verantwortung tragen.

4. Wir streben an, inklusiv zu arbeiten. Das heißt, es werden ein oder zwei Wohn-und evtl. Arbeitsplätze für Menschen mit mehr Hilfebedarf entstehen.

5. Last but not least. Wir entwickeln Bildungsfreiräume. Wir sind überzeugt, dass unser Bildungssystem baldigst und radikal (radix, die Wurzel) erweitert werden muss. Eine freie und intrinsisch motivierte Bildungsmöglichkeit für alle Menschen sollte entwickelt werden. Wir tun das zum Beispiel mit unseren Kindern, die sich schulfrei bilden und auch in dem wir für Außenstehende Möglichkeiten bieten unser Leben kennenzulernen anhand der Dinge, die wir hier so tun. Man kann beispielsweise lernen, wie Obstbäume geschnitten werden, eine Sense gebaut und gebraucht wird, Käse gemacht oder Brot gebacken wird u.v.m.

Hof Tomte verstehen wir als einen Forschungsraum für ein gerechtes soziales Miteinander, für die Entwicklung freier Bildungsräume und einer »samll is beautiful« landbased Community.

Der Hof Tomte verbindet gemeinsames Wohnen und Arbeiten. Wie dürfen wir uns das vorstellen?

Da wir noch ganz am Anfang des Projektes stehen, haben wir noch keine oder nur teilweise bezahlte Arbeit am Hof. Jeder und jede muss noch außerhalb arbeiten, um die Aufbauarbeit zu ermöglichen. Allerdings ist dies ja auch ein gemeinsames Wohnen und Arbeiten. Geplant ist, dass hier bald am Hof Arbeitsplätze entstehen. Zum Beispiel im Hofladen, in der Käserei, in der Werkstatt usw..

Wir richten gerade die Gemeinschaftsküche her, in der gemeinsam gegessen und gelebt werden kann, einen Raum für gemeinschaftlichen Austausch und Begegnung. Parallel dazu ist uns aber auch wichtig, dass jeder sich zurückziehen kann, wenn sie/er das will und braucht.

Mit dem Hof betreibt Ihr solidarische Landwirtschaft. Wie funktioniert SoLaWi?

Ich kann gerne im Online-Seminar Redselig die CSA (Community supported agriculture) auf Nachfrage erklären.

Jetzt kurz gesagt, ist allen Beteiligten wichtig, dass die Anonymität des Marktes überwunden wird und die Landwirt/innen ein gesichertes und gerechtes Einkommen haben.

Wir selbst sind im Moment eher ein Selbstversorgerbetrieb, ein Gärtnerhof mit Überschussabgabe. Die Frage nach einer CSA haben wir unseren Kunden gestellt und manche zeigten Interesse. Wir werden dran bleiben.

Was waren die größten Herausforderungen bisher?

- Wie bei allen oder den meisten solcher kleinen Projekte, die wir kennen: die unglaubliche Unterfinanzierung und die sich daraus ergebende Selbstausbeutung. Was sich hoffentlich in den nächsten Jahren ändert. Zumindest die Selbstausbeutung.

- Immer wieder zu erleben, wie gespalten Stadt und Land sind. Wie wenig städtische Menschen noch wissen oder erfahren haben vom realen Landleben.

- Insgesamt, angesichts der weltweiten Lage, den Mut nicht zu verlieren und jeden Tag einen Baum zu pflanzen.

Selbstversorger auf dem Hof – vorgestellt bei bring-together
Saftpressen auf dem Hof Tomte © Franziska Marschall

Was ist bei Euch bis heute entstanden?

Wir haben eine kleine Herde schwarze Ostfriesische Milchschafe mit Nachzucht, haben dieses Jahr gemolken und die Milch zu Joghurt, Quark, Feta, Peccorino und zuletzt auch in Camembert verarbeitet. Es gibt weiterhin Hühner, die sehr gute Eier legen (unsere Tiere sind alles seltene, vom Aussterben bedrohte Haustierrassen). Das heißt wir sind keine Vegetarier oder vegan lebende Menschen.

Wir haben einen Acker mit vielseitigem Gemüseanbau.

Weiterhin gibt es über 50 Obstbäume verschiedenster Sorten, auch das sind alles alte Obstsorten. So gibt es bei uns eigenen Saft, Most, Kompott, Marmeladen, Sauerkraut und vieles mehr.

Natürlich wurde auch Heu und Öhmd gemacht, das Winterfutter für die Schafe. Gleichzeitig wurde bei uns am Hof auch viel gebaut, verputzt und renoviert. Außerdem reift eine große Menge Kompost aus eigener Erzeugung und wartet aufs nächste Frühjahr, wenn er ausgebracht werden kann.

Erstaunlich viele Menschen haben sich für unser Projekt interessiert und bei uns kürzer oder länger mitgelebt.

Was ist Deine, bzw. Eure Vision für das Projekt?

Menschen zu finden, die sich hier verwirklichen wollen und mitmachen. Dass wir in absehbarer Zeit ein kleines Licht aussenden können zur Ermutigung anderer.

Was muss ich mitbringen, wenn ich bei Euch mitmachen möchte? Bzw. wer kann mitmachen und was sind die Spielregeln?

Mut, Pionierwille, gerne menschliche und handwerkliche und digitale Kompetenz, Lust am Leben, Gelassenheit etc. Und Kohle, oder das Talent, welche zu beschaffen.

Was möchtest Du anderen auf den Weg mitgeben?

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! (Erich Kästner)

Redselig »Wegweiser – anders leben«

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