Potentialentfaltung in Wolfen Nord

28. Mai 2021 Lesezeit: Interview, Home Story, Lebenskonzept
Andreas Sallam erzählt vom Wohnprojekt »Wolfen-Nord e.V.« und über den zweiten Anlauf. Sie möchten ein sozial-ökologisches Leuchtturm-Projekt schaffen, das Potentialentfaltung, Vielfalt und Nachhaltigkeit möglich macht. Für Andreas Sallam sind Gemeinschaften die den Menschen dienlichste Form des Zusammenlebens .
Das Wohnprojekt Wolfen-Nord e.V. steht für Potentialentfaltung in Gemeinschaft – vorstellt bei bring-together
Wolfen-Nord e.V.

Interview mit Andreas Sallam

Kannst Du Dich kurz vorstellen?

Ich bin Andreas Sallam, ursprünglich Sänger und Musiker und Musikproduzent. Ich habe mal klassischen Gesang in Berlin studiert, aber das Studium nicht abgeschlossen, weil mir der Bereich des klassischen Gesangs zu eng war. Davor habe ich viel Straßenmusik gemacht und danach Tonstudios in Hamburg betrieben und recht erfolgreich Bands und KünstlerInnen produziert.

Zwischenzeitlich habe ich aus London heraus, wo ich ca. 8 Jahre gelebt habe, internationales IT-Management gemacht. Was auch heute noch eins meiner drei Hauptstandbeine ist. Heute allerdings konzentriere ich meine IT-Kenntnisse auf das Feld des sozial-ökologischen Wandels. So ist die Firma DIGITAL BUILDERS GmbH, für die ich arbeite, der Digital-Dienstleister für die Dragon Dreaming Community international, Extinction Rebellion national, die Transition-Initiativen im deutschsprachigen Bereich, das Wandelbündnis (Gesamtverband für den sozial-ökologischen Wandel) und eine Reihe mehr, wie auch unser Projekt in Wolfen.

Meine beiden anderen Standbeine beziehen sich auf recht umfangreiche Vernetzungs-Tätigkeiten im sozial-ökologischen Wandel und aus Leidenschaft Coaching von Persönlichkeitsentwicklung über Teamarbeit bis hin zu Methodiken, wie Dragon Dreaming und Soziokratie 3.0.

Was ist Wolfen-Nord e.V.?

Wolfen-Nord e.V. ist ein Projekt, was sich darauf konzentriert, einen ehemaligen Plattenbau-Stadtteil am Rande von Bitterfeld-Wolfen neu zu beleben. In diesem Stadtteil haben einmal 35.000 Menschen gelebt, sind aber mittlerweile auf rund 5.000 geschrumpft. Die meisten Plattenbauten sind abgerissen und es ist viel Platz und Grün entstanden. Wir wollen hier Potentialentfaltung, Vielfalt und Nachhaltigkeit leben -– kurz ein sozial-ökologisches Leuchtturm-Projekt schaffen. Der Verein ist hierfür unser juristisches Gerüst.

Das Wohnprojekt Wolfen-Nord e.V. steht für ein Leben in Vielfalt und Nachhaltigkeit als Gemeinschaft – vorstellt bei bring-together
Grundstück

Was sind die 5 essentiellen Merkmale, die Wolfen-Nord e.V. ausmachen? Was sind Eure Handlungsziele?

1. Eine gute Lage mitten im Herzen Deutschlands – zwischen Leipzig, Halle, Dessau und Berlin

2. Eine große Offenheit, zum Realisieren individueller Vorstellungen mit viel Platz und üppiger Natur

3. Eine unterstützende und offene Stadtverwaltung

4. Ein Sozialgefüge, was Vielfalt und Diversität einlädt und unterstützt. Wir nutzen dabei u.a. Tools wie Community Building, Dragon Dreaming oder Soziokratie 3.0.

5. Wir sind noch wenig Menschen, was zum Mitgestalten Interessierter einlädt und es bestehen niederschwellige Einstiegs-Möglichkeiten.

Wie seid Ihr vorgegangen – von der ersten Idee bis heute?

Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, da es (wie so oft) prozesshaft entstanden ist.

Es gab einen ersten Anlauf 2016-2018, der gescheitert ist, weil die »falschen« Menschen zum »falschen« Zeitpunkt auf »falsche« Weisen miteinander umgegangen sind. »Totgesagte leben länger« und ich habe 2018 geglaubt das Projekt sei tot. Dann 2019 kam die Stadt Bitterfeld-Wolfen erneut auf mich zu und bot mir an das Projekt wieder zu beleben.

Parallel rief mich Sebastian Schröder an, der Wolfen-Nord schon für sich entdeckt hatte und ein heruntergekommenes Gebäude zu einer Werkstatt umgebaut hatte. Wir beide haben dann die Basis gebildet, um weitere Menschen anzusprechen. Ende 2019 haben wir dann den Wolfen-Nord e.V. gegründet. Ende 2020 sind dann die ersten 8 Menschen in Wolfen Nord eingezogen. Also haben wir trotz Corona schon im letzten Jahr die Basis für die Weiterentwicklung unseres Projektes gelegt.

Was gab es für Hürden?

Hürden gab es einige, die Wichtigste dabei war sicherlich Corona. Davor aber auch der fragwürdige Ruf, der durch den ersten Anlauf entstanden war und, wie eigentlich fast immer, die zwischenmenschlichen Konflikte, die uns von der pseudo-Phase über das Chaos zum authentischen Miteinander bringen.

Hinzu kommen die vielen parallelen Alltagsnotwendigkeiten und Planungen über das Kennenlernen bis hin zum Integrieren neu hinzukommender Menschen.

Das Wohnprojekt Wolfen-Nord e.V. spricht über die dienlichste Form des Zusammenlebens – vorstellt bei bring-together
Mission

Was muss ich mitbringen, wenn ich bei Euch mitmachen möchte? Wer kann mitmachen und was sind die Spielregeln?

Wir versuchen mit niedrigen Hürden mit dem Menschen umzugehen. Am Anfang gibt es auf jeden Fall eine Probezeit, um für beide Seiten auszuloten, ob das Projekt das richtige Umfeld für die Menschen und die Menschen, die Passenden für das Projekt sind. Ansonsten braucht es Motivation etwas aufbauen und gestalten zu wollen, eine gute Vorstellungskraft, von dem was alles möglich ist und Offenheit für Vielfalt. 

Als wir letztens drüber sprachen, was uns eigentlich von anderen Projekten unterscheidet, kam ich darauf, dass es der unbedingte Wille zur eigenen Entscheidungsfreiheit ist, der uns von anderen abhebt. Wir sind recht eigenwillige und freiheitsliebende Menschen und finden es auch gut, wenn Menschen nach ihrem eigenen Bedürfnis schauen und sich um diese kümmern. Das heißt nicht, dass wir nicht auch gerne Dinge in Verbundenheit tun und erleben.

Allerdings ist das Spektrum wirklich groß und da es sich bei Wolfen-Nord um ein recht ambitioniertes Projekt handelt, wo locker ein paar 100 bis 1000 Menschen miteinander leben können, ist die Vielfalt und die Diversität gewollt, gewünscht und naheliegend. Aus meiner Sicht erschafft sie Reichtum.

Was ist Deine Motivation, Gemeinschaften auf den Weg in ihr Projekt zu begleiten?

Es bringt mir Spass mit Menschen zu arbeiten und dadurch, dass ich blind bin, habe ich ein gutes Gespür für Gruppen- und Gruppenprozesse. Hinzu kommt mittlerweile ein großer Erfahrungsschatz aus verschiedenartigsten Gemeinschaftsprozessen, sowie die Erkenntnisse, dass die Tools, die ich zum Begleiten von Gemeinschaften verwende, von Aufstellungen über Community Building nach Scott Peck, Dragon Dreaming, Forumsarbeit, Gewaltfreier Kommunikation, Soziokratie 3.0 bis hin zu TZE (Themenzentrierte Interaktion), doch recht hilfreich für Gemeinschaften sind.

Wer ist Eure Zielgruppe? Welche Hilfestellungen bietet Ihr an?

Unsere Zielgruppe sind alle Menschen, die »das gute Leben« für alle wollen und die sich auch um Bewusstheit bemühen und sich nicht durch puren Kommerz dicht machen. Unsere Hilfestellung hängt von dem Stand der individuellen Anfragen ab. In der Regel bekommen Menschen Paten aus dem Verein an die Seite und können sich auf diese Weise uns nähern.

Was möchtest Du anderen auf den Weg geben?

Gemeinschaft ist schon erstrebenswert, zumal weil es Vieles unterstützt was persönliches Wachstum und innere Prozesse angeht. Oft genug vermeiden wir Menschen diese Intensität des Miteinanders, obwohl wir uns gleichzeitig sehr danach sehnen. Auch für Paare und Kinder ist Gemeinschaft zwar eine Herausforderung, gleichzeitig entlastet sie aber auch enorm, da nicht alles bei den Eltern hängen bleibt, in Paarbeziehungen, nicht alle Themen durch die jeweils beteiligten Partner zu lösen sind und Kinder ebenfalls mehr als zwei Pole als Bezugspunkte für ihre Entwicklung einbeziehen.

Zusammenfassend stelle ich seit Jahren schon fest, dass Gemeinschaften, die den Menschen dienlichste Form des Zusammenlebens darstellen und die individualisierten Formen der Lebensgestaltungen, die wir insbesondere in den Städten finden, zwar vermeintlich Freiheit schaffen, in der Konsequenz aber ungesund und überfordernd sind.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Mehr Gemeinschaften generell. Im Speziellen, dass unsere Gemeinschaft viele Leute mehr hinzu bekommt. So dass, viele weitere Menschen, die Chance erhalten, die Qualitäten und das Maß der Freiheit, die das Projekt bietet, kennen zu lernen und zu erfahren. Ansonsten wünsche ich uns allen die Freiheit, insbesondere im Innern, uns so zu leben, wie es uns gut tut und uns selbst so zu stärken, dass die vermeintlichen Ängste vor Äußerem irrelevant werden.

Redselig »Wegweiser – anders leben«

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