Zukunftsorte statt Leerstand

21. April 2021 Lesezeit: Interview, Home Story, Lebenskonzept
Die Wiederbelebung des ländlichen Raums ist schon seit ein paar Jahren ein großes Thema. In den neuen Bundesländern, insbesondere in Brandenburg gibt es vielerorts leerstehende Gebäude, die dringend auf eine sinnvolle und nachhaltige Nutzung von Bewohnern warten. Für die Kommunen ist das finanziell oftmals nicht zu stemmen. Für das Netzwerk Zukunftsorte bedeutet dies eine Chance, möglichst viele ländliche Leerstände in attraktive Impulsorte zu verwandeln. In unserer Seminarreihe Redselig »Wegweiser – anders leben« stellen am 20.05.2021 Julia Paaß und Philipp Hentschel die Zukunftsorte vor und beantworten Dir Deine Fragen.
Zukunftsort Hof Prädikow © Jörg Gläscher
Zukunftsort Hof Prädikow © Jörg Gläscher

Interview mit Julia Paaß und Philipp Hentschel der Zukunftsorte

Könnt Ihr Euch kurz vorstellen?

Das Netzwerk Zukunftsorte ist ein Zusammenschluss von Menschen, Orten und Projekten auf dem Land. »Zukunftsorte« sind Orte, die Wohnen und Arbeiten vereinen. Sie nutzen Leerstand im ländlichen Raum um und entwickeln vor Ort neue Lebens- und Arbeitsmodelle, sowie offene Treffpunkte. Ihre Betreiber*innen bringen impulsgebende Kompetenzen in den ländlichen Raum: vernetztes dezentrales Arbeiten, digitale Tools, Kreativität. Es sind Menschen mit Gründergeist, Unternehmer*innen, Macher*innen. Frischer Wind!

Was sind die 5 essentiellen Merkmale, die Zukunftsorte ausmachen? Was sind Eure Handlungsziele?

1. Das Projekt verbindet Wohnen mit Arbeiten vor Ort.

2. Wohnen: möglichst alle, mindestens aber einige der Betreiber wohnen mit Erstwohnsitz im oder im nahen Umfeld des Projekts. Zusätzlich werden Möglichkeiten zum permanenten oder temporären Wohnen vor Ort geschaffen.

3. Arbeiten: Das Projekt bietet entweder Raum zum Arbeiten und/oder schafft durch den Aufbau von Gewerbe neue Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitsplätze vor Ort. Darüber hinaus spielt die digitale Arbeitskultur eine tragende Rolle.

4. Das Projekt engagiert sich politisch, kulturell, sozial oder auf sonstige Weise in seinem direkten Umfeld und vernetzt sich mit lokalen Strukturen und Initiativen.

5. Das Projekt öffnet sich als Treffpunkt für Anwohner, oder entwickelt proaktiv mit diesen gemeinsame Räume, Projekte, Angebote oder stellt eigene Räume zur Verfügung.

Was ist Eure Motivation Gemeinschaften auf den Weg in ihr Projekt zu begleiten?

Es scheitern zu viele Projekte in der Aufbauphase oder verschwenden wertvolle Energie. Der Aufbau von impulsstarken Wohn- und Arbeitsprojekten ist voller Herausforderungen und potentieller Stolpersteine. Gerade zu Beginn eines Projektes werden wichtige Weichenstellungen gesetzt (Rechtsform, Entscheidungsfindung, Kerngruppe, Vision etc.).

Aber warum das Rad immer wieder neu erfinden?

Als Netzwerk bringen wir vielfältige Projekte und Kompetenzen zusammen um den erfolgreichen Aufbau von Zukunftsorten zu unterstützen. Aufbauend auf den Erfahrungen bestehender Projekte können wir unsere Vision von 1000 neuen Kreativ- und Zukunftsorten in den nächsten Jahren unterstützen. Wir glauben an einen wichtigen Beitrag dieser Projekte zur Steigerung der Lebensqualität vor Ort und einer zukunftsfähigen Landgesellschaft.

Lebenskonzept Zukunftsorte Belebung ländlicher Raum Brandenburg - vorgestellt auf bring-together
Ackerakedemie im Projektraum im Zukunftsort Drahnsdorf

Wer ist Eure Zielgruppe?

Wir haben zwei Zielgruppen – Projekt- Akteure und Gemeinden. Für beide Zielgruppen bieten wir Erfahrungen und Wissen. Wer selbst oder mit einer Gruppe einen Impulsort gründen möchte, kann sich an uns wenden. Aber auch Gemeinden und Immobilienbesitzer, die auf der Suche nach Konzepten, Projektideen und passenden Gruppen sind, können wir im Projektverlauf unterstützen.

Welche Hilfestellungen bietet Ihr an?

Unser Praxisnetzwerk wird in einer regelmäßigen Online-Lerngruppe vermittelt. Hier kuratieren wir 10 Projekte die dann für mind. 6 Monate gemeinsam an Ihren Herausforderungen arbeiten. Ab Herbst 2021 veröffentlichen wir eine digitale Wissensplattform mit vielen wertvollen Tipps, Anleitungen und Kontakten. Bis dahin findet der Wissenaustausch vor allem auf unseren thematischen Meetups sowie Netzwerk- und Regionaltreffen statt. Für Fördermitglieder gibt es darüber hinaus auch regelmäßigen Austausch in unseren Slack-Channels.

Wie habt Ihr Euch gefunden?

Wir sind ein klassisches Bottom-Up Netzwerk. Nachdem wir gesehen haben, wie viele innovative Projekte in Brandenburg bereits entstanden sind, wollten wir diese untereinander vernetzen. So starteten wir im Jahr 2018 mit einem informellen Netzwerk. Mittlerweile sind wir ein gemeinnütziger e.V. mit Zukunftsorten aus ganz Ostdeutschland.

Zukunftsorte Wiederbelebung ländlicher Raum Brandenburg – vorgestellt auf bring-together
Musikbahnhof im Zukunftsort Annahütte

Wie seid Ihr vorgegangen – von der ersten Idee bis heute?

Im Januar 2018 haben Susan und Philipp den Blog Kreativ-Orte Brandenburg ins Leben gerufen. Wir wollten zeigen wie bunt und kreativ Brandenburg ist und wie viele inspirierende Projekte dort angesiedelt sind. Daraus ist dann schnell mehr entstanden, weil sich immer mehr Menschen für das Thema interessiert haben. Nach zweieinhalb Jahren ehrenamtlicher Arbeit haben wir uns für ein Förderprojekt in Brandenburg beworben. Daraus ist dann ein gemeinnütziger Verein entstanden, der im Januar 2020 gegründet wurde. Seit dem haben wir viele Projekte, Vorträge und Unterstützungsangebote für angehende Kreativ-und Zukunftsorte initiiert. Mittlerweile konnten wir unser Team ausbauen, feste Stellen schaffen und verschiedene Expert*innen im Netzwerk aufnehmen.

Was möchtet Ihr anderen auf den Weg geben?

Lasst Euch inspirieren und besucht verschiedene Projekte, bevor Ihr selbst in die Planung geht – am besten findet Ihr ein Musterbeipiel, von dem Ihr möglichst viel übernehmen könnt. Konkrete Beispiele sind belastbarer, als seitenlange Konzepte die viel Raum für individuelle Projektionen lassen. Fangt mit einer kleinen Gruppe an und setzt die Grundlagen für Euer Projekt. Danach könnt Ihr entlang Eurer Leitplanken neue Unterstützer*innen aufnehmen (Stufenmodell) – hier solltet Ihr eine Kennenlernphase von mind. 6 Monaten einplanen. Gerade bei größeren Gruppen braucht Ihr ein verbindliches Beschluss-System.

Am Beispiel der Soziokratie kann z.B. das Konsentverfahren eine große Bereicherung sein, die Partizipation und Schnelligkeit in Einklang bringt. Besonders kreative Geschäftsformen benötigen meist hohe Betreuung und rechtliche Beratung – macht es Euch nicht zu kompliziert. Setzt auf etablierte Modelle und habt keine Scheu bestimmte Erfahrungen zu kopieren. Die Eigenständigkeit kommt von ganz allein. Plant Budget für externe Beratung ein – eine professionelle und effiziente Begleitung in Form von Moderation, Supervision, Coaching kann am Ende viel Geld und Energie sparen. Und am wichtigsten – teilt Eure eigenen Erfahrungen und unterstützt auch andere Projekte im Aufbau.

Was sind Eure bisherigen Erfahrungen mit bring-together?

Einzelne Projekte aus unserem Netzwerk haben die Plattform für die Suche nach Mitstreiter*innen genutzt. Wir finden das Matching und die vielen wertvollen Beiträge zur Gemeinschaftsfindung sehr bereichernd.

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Wir wünschen uns einen ländlichen Innovationsraum und 1000 Zukunftsorte bis zum Jahr 2030. Vernetzte Zukunftsorte verknüpfen lokale mit überregionalen, sogar internationalen Akteur*innen und bringen so völlig neue Impulse in die Region. Dabei werden weitere Unternehmen und ganze Branchen angezogen. Aus der Kombination von historischen und modernen Ansätzen entstehen neue Kompetenz-Cluster: Start-Ups, sanfter Tourismus, traditionelles und neues Handwerk, Energie und Baukultur.

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