Von der Patchworkfamilie zur Gemeinschaft

22. November 2021 Lesezeit: Interview, Ratgeber, Home Story, Gemeinschaft
Sarah lebt in einer Patchworkfamilie und sieht sich als Getrennterziehende. Sie und ihr ehemaliger Partner haben zusammen eine Tochter. Sie nutzen die Trennung als Chance für den Start in eine Gemeinschaft. Zusammen suchen die drei ein Wohnprojekt bei Hamburg und erzählen, was sie sich wünschen.

Interview mit Sarah

Kannst Du Dich kurz vorstellen?

Hallo, ich bin Sarah, 38 Jahre alt und komme ursprünglich aus Hamburg. In Berlin habe ich Kunst und Kunsttherapie studiert und bin dann über Köln und Bonn 2012 nach London ausgewandert und 2017 nach Missouri in die Vereinigten Staaten. In den USA habe ich mich als Kunsttherapeutin selbstständig gemacht und meine künstlerische Praxis vorangetrieben. Außerdem habe ich mit einer Kunsthistorikerin vor einem halben Jahr einen Podcast über den kreativen Prozess gelauncht. Ich habe einen starken unternehmerischen Hang und hoffe, auch nach meiner Rückkehr in Deutschland, meine vielen Ideen umsetzen zu können. Ich freue mich sehr auf die Rückkehr. Ich habe eine fünf-jährige Tochter mit meinem US-amerikanischen Mann, von dem ich seit einem Jahr getrennt lebe. Bei der Umzugsplanung behalte ich die Bedürfnisse der gesamten Familie im Blick und versuche in Zusammenarbeit mit Bryan, uns trotz der Trennung ein gemeinschaftliches oder zumindest ortsnahes Miteinander zu ermöglichen.

Wie lebst du aktuell?

Aktuell lebe ich in einem kleinen Holzhaus im ländlichen Columbia, Missouri. Mein Mann wohnt im Nachbarhaus und unsere Tochter wandert zwischen beiden Wohnorten. Ein großer Garten verbindet beide Grundstücke. Wir teilen uns auch einen Hund, unseren Lenz. Wir unternehmen noch viel zusammen als Familie. Sonntags ist Familientag, abends wird oft gemeinsam gekocht und gegessen. In der Frühe sage ich meiner Tochter immer »Guten Morgen« und wünsche ihr einen schönen Tag, auch wenn sie bei Bryan übernachtet hat. Bryan und ich wechseln uns mit der Betreuung ab. Sie ist jeden zweiten Nachmittag bei einem von uns. In gewisser Weise leben wir also bereits in einer Lebensgemeinschaft, die gegenseitige Unterstützung bietet und ein für uns gesundes Maß an Rückzug ermöglicht.

Was ist Deine Motivation in Gemeinschaft zu leben?

Das Zusammenleben in einer Gemeinschaft kann ich mir schon lange vorstellen. Ich finde, dass es einfach Sinn macht, Ressourcen zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Als Studentin habe ich an internationalen Workcamps in Deutschland teilgenommen und auch eines geleitet. Während dieser zwei oder drei Wochen, hat die Gruppe an Wohnbauprojekten und biologischen Agrarprojekten mitgearbeitet, in sehr einfachen Verhältnissen gewohnt und Vieles zusammen unternommen. Mir hat das gut gefallen. Als Allein- oder eher Getrennterziehende, ist mir jetzt besonders wichtig, mich nicht isoliert zu fühlen und vor allem auch in Corona-Zeiten nicht auf mich allein gestellt zu sein. Weil mir Umweltschutz, ein soziales Miteinander und Gemeinschaft wichtig sind, kann ich mir sehr gut vorstellen, ein Wohnprojekt auf die Beine zu stellen (oder in ein existierendes zu ziehen), das diesen Werten entspricht, wobei Konkreteres immer mit der Gemeinschaft entwickelt wird und in der Praxis demnach unterschiedlich aussehen kann. Ich finde es wunderbar, dass in Gruppen eine Vielfalt an Fähigkeiten, Interessen und Expertisen zur Umsetzung von Projekten beitragen, die man alleine nicht hätte stemmen (oder gar visualisieren) können.

Was für eine Gemeinschaft suchst Du genau?

Ich suche eine Gemeinschaft, idealerweise in oder um Hamburg, mit guter Anbindung zu öffentlichen Verkehrsmitteln, guten Schulen, möglichen Arbeitsplätzen und Freizeitmöglichkeiten. Ob der Wohnort ländlich oder eher städtisch ist, ist erstmal egal. Wichtig ist mir eine gute Balance zwischen Zeit in der Gemeinschaft und Zeit, in der ich mich zurückziehen kann (dafür muss es dann auch geeigneten Raum geben). Ich bin zwar sozial orientiert, aber ein eher introvertierter Mensch. Ich bringe mich gerne in organisatorische Aufgaben ein; die körperliche Arbeit auf dem Feld oder der Baustelle ist eher etwas für Bryan. Mir macht es großen Spaß, Menschen und Communities zu vernetzen und zum Beispiel Events (wie Ausstellungen, Workshops, Meditations-Retreats und Tango-Kurse) in die Wege zu leiten. Ich beschäftige mich gerne mit allem, was visuell und kommunikativ ist. Achtsamkeitsmeditation ist ein wichtiger Bestandteil meines Alltags, Tanzen ist eine andere Leidenschaft von mir.

In einer Lebensgemeinschaft möchte ich mich wohl fühlen und so angenommen werden, wie ich bin, mit meinen ganz eigenen Fähigkeiten und Talenten. Ich fände es wichtig, an regelmäßigen Treffen teilzunehmen, in denen sowohl Organisatorisches und Praktisches besprochen wird, aber auch an Treffen, bei denen die allgemeine Gefühlslage in der Gemeinschaft ausgelotet wird. Ich stelle es mir herausfordernd vor, innerhalb einer größeren Gruppe mit jedem immer klar zu kommunizieren; ich denke, dafür muss es einen ritualisierten Rahmen geben.

Was ich auch gut fände, wäre, wenn abends eine Partie oder zwei das Abendessen für die gesamte Gemeinschaft vorbereiten würde. Ich fände es auch schön, wenn der Einkauf gemeinsam stattfinden könnte, vorausgesetzt, dass alle in etwas das Gleiche essen wollen. Gemeinsame Mahlzeiten sind mir wichtig, weil da in einem entspannten und alltäglichen Rahmen, Gutes in Form von Essen und schönen Gesprächen ausgetauscht wird. Das wäre ein wichtiger Pfeiler einer Gemeinschaft, in der ich leben wollen würde.

Werte, die mir in einer Gemeinschaft wichtig sind: Respekt (als Mutter ganz konkret auch vor dem Erziehungsstil anderer Eltern, aber auch Respekt vor individuellen Persönlichkeiten und Bedürfnissen. Zu konform sein zu müssen, fände ich zum Beispiel unangenehm, auch wenn ich mich als sehr flexibel und anpassungsfähig einschätze), Warmherzigkeit (ein Lächeln und Freundlichkeit, ehrliches Interesse aneinander), Bedachtsamkeit (ich wünsche mir, dass sich jeder wirklich angehört fühlt und mit Problemen oder Entscheidungen mit Achtsamkeit, Verständnis und Ruhe umgegangen wird).

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Für die Zukunft wünsche ich mir einen Ort (und Möglichkeiten) der Selbstentfaltung, die die sichtbaren und unsichtbaren Vernetzungen zwischen allen Lebewesen berücksichtigt. Ich kann mich demnach immer nur in die Richtung entfalten, die für mich richtig ist, aber auch für die, die mir nah sind und auch die, die mir ferner erscheinen. Wie das im Konkreten aussieht, weiß ich demnach immer nur im Jetzt und im Kontakt mit anderen, auch wenn mich Visionen leiten und ich viele kreativen Ideen hege. Ich blicke der Zukunft also sehr zuversichtlich entgegen und freue mich auf das, was kommen wird.

Redselig »Wegweiser – anders leben«

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