Ein Bahnhof als Lebensraum

7. Dezember 2020 Lesezeit: Interview, Home Story, Lebenskonzept
Amanda Dählmann vom Wohnprojekt »Lebensraum Röblingen« erzählt, wie sie ein leerstehendes Bahnhofsgebäude eines aktiven Bahnhofes mit Leben erweckt, aber auch welche Hürden man dabei überwinden muss. Sie hat einen Ort zum Leben und Arbeiten aber auch einen Ort für mehr Gemeinschaft geschaffen.
Wohnprojekt Lebensraum Röblingen am See belebt einen leerstehenden Bahnhof wieder und findet auf bring-together Mitmacherinnen.
Bahnhof Röblingen am See

Interview mit Amanda Dählmann

Kannst Du Dich kurz vorstellen?

Ich liebe es, Menschen an einen Tisch zu bringen. »bring-together« ist bei mir täglich Programm! Ungefähr 2005 hatte ich die Erkenntnis, dass das Leben in der klassischen Kleinfamilie für mich – und auch für viele andere – nicht das Richtige ist. Damals habe ich mich auf die Suche nach neuen Lösungen gemacht. Inzwischen bin ich selbst Mutter dreier Mädchen und durfte zahlreichen Wohnprojekten und Gemeinschaften ins Leben helfen. Mit vielen davon bin ich nach wie vor eng verbunden und gebe mein Wissen in Vorträgen und Workshops weiter.

Wieso hast Du Dich für einen Bahnhof entschieden?

Der Bahnhof hat uns gefunden! Und natürlich bietet die gute Verkehrsanbindung viele Möglichkeiten für Menschen, die auf ein eigenes Auto verzichten müssen. Das ist besonders für Projekte im ländlichen Raum eine große Herausforderung! Über die Zeit durften wir feststellen, dass ein Bahnhof ein ziemlich gemütlicher Ort sein kann, wenn man sich auf ihn einlässt. Auf der anderen Seite symbolisiert gerade der Bahnhof, dass unser Projekt für einige Menschen eine wichtige Station auf ihrem Lebensweg ist. Sei es nun in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr, als Urlaubserfahrung in Gemeinschaft oder als »Endstation« im dauerhaften Zuhause.

Was ist Deine Vision für das Projekt?

Wir sind mit dem »Lebensraum Röblingen« ein Leuchtturm in Sachen mehrgenerationalem Zusammenleben. Als solcher möchten wir weiter erstrahlen. Und das nicht nur für unsere Bewohner, sondern auch für die Menschen in unserer ländlich geprägten Region, auch über die Landesgrenzen von Sachsen-Anhalt hinaus. Noch ist viel Potenzial unseres Projektes ungenutzt: Wir freuen uns über weitere Künstler, Gestalter und aktuell besonders über einen Betreiber für das künftige Bio-Kultur-Café!

Was waren die größten Herausforderungen?

Ich lebe sei 2018 im Gemeinschaftsprojekt »Lebensraum Röblingen«. In den letzten Jahren durfte ich persönlich lernen, dass jedes Projekt seine ganz eigenen Kinderkrankheiten hat. Es gibt keine Patentrezepte und keine Blaupausen. Daher bin ich froh, aus einem großen Schatz an Tools, Erfahrungen und Mentoren schöpfen zu können und eine tolle, bunte Gemeinschaftsszene hinter mir zu wissen. In Röblingen am See war unsere größte Herausforderung die vielen Emotionen der Menschen vor Ort, die sich am Bahnhofsgebäude entluden. Wendefrust, Perspektivlosigkeit und Resignation ist ja im ländlichen Raum nicht selten. Viele hatten ihr ganzes Leben mit dem Bahnhof und dem 1998 geschlossenen und inzwischen abgerissenen Bahnbetriebswerk verbracht. Entsprechend schwer war es für uns, die Veränderungen und neuen Chancen zu vermitteln. Vandalismus und Drohungen waren lange Zeit unsere ständigen Begleiter und der Aufwand sehr groß, auf verschiedenen Ebenen Lösungen für die Probleme zu finden. Es hat sich gelohnt!

Wohnprojekt Lebensraum Röblingen am See hat durch bring-together neue Bewohnerinnen gefunden.

Wie beziehst Du die Bewohner des Ortes mit ein?

Partizipation ist ein wichtiges Thema für unser Projekt. Daher laden wir immer wieder zu uns ein, stellen Fragen, machen Angebote. Niedrigschwellig und für jeden gut erreichbar, sollen unsere Angebote sein. So ist unser hauseigener Verschenkeladen auch jetzt jeden Tag geöffnet. Wir merken immer wieder, dass Mitbestimmung und Selbstermächtigung für viele Menschen noch immer schwierige Themen sind. Daher möchten wir auch dazu mehr einladen. Und manchmal entstehen tolle Ideen auch einfach bei uns am Kaffeetisch. Wie zum Beispiel die Neugestaltung unserer Fassade durch mehrere Graffiti-Künstler und die Kids aus dem örtlichen Jugendclub.

Was für Veranstaltungen gab es bisher?

Wir machen alles, was Menschen zusammenbringt! Geschichtenabende, Saatgut-Tauschbörse, Theater, Musik, Kino, …Hauptsache, die Leute machen wieder was gemeinsam. Auch verschiedene Gruppen aus der Region nutzen unsere Räume im Gemeinschaftsbüro und der alten Wartehalle. Im Laufe dieses verrückten Jahres wurden Zusammenkünfte ja deutlich größere Herausforderungen. Daher konzentrieren wir uns auf das, was im Außenbereich möglich ist: Ein Graffiti-Workshop, gemeinsame Gartenarbeit und der Bau eines riesigen Klettergerüsts.

Wie verbindest Du gemeinsames Wohnen und Arbeiten?

Eine der ersten Einrichtungen im »Lebensraum Röblingen« war unser Gemeinschaftsbüro. Hier verbinden wir modernes Co-Working mit dem Landleben. Im Sommer kommt unser grünes Büro im Garten dazu. Gleich neben dem Klettergerüst unserer Jüngsten. Für mich als Alleinerziehende mit Kindern sind solche Lösungen für das Arbeitsleben elementar. Gerade jetzt, da sich das Arbeiten besonders für Familien rasant verändert und die Digitalisierung neue Möglichkeiten bietet, verstehen wir uns auch mehr und mehr als Experimentierraum. Daneben haben wir viele Optionen für Geschäftsgründungen vor Ort: Café, Gästebetrieb, Seminare, Kinderbetreuung, Kunst & Handwerk. Man kann hier wirklich alles werden! Und gleichzeitig können wir die Synergieeffekte der Gemeinschaft nutzen.

Wie kommunizierst Du die Kosten für neue Mitwirkende?

Ich liebe es, an die Seele alter Gebäude vorzudringen und ihnen zu neuem Glanz zu verhelfen! Doch machen wir uns nichts vor: Das kostet Geld. Viel Geld. Daher freuen wir uns, dass wir im »Lebensraum Röblingen« mit alter Bausubstanz und ökologischen Baumaterialien arbeiten dürfen, ohne teure Auflagen des Denkmalschutzes erfüllen zu müssen. Durch einen Mix von verschiedenen Miet- und Mitarbeitsmöglichkeiten schaffen wir es, dass die Mitwirkung am Projekt nicht am  Geldbeutel hängt. Auf die Gründung einer Genossenschaft mit großen Einlagen haben wir bewusst verzichtet. – Umsonst geht so ein Projekt trotzdem nicht. Jeder hat seinen Beitrag in Form von Miete und/oder Mitarbeit zu leisten. Für soziale Utopien sind andere Projekte zuständig!

Sind Gemeinschaftsprojekte nur für Wohlhabende?

Jedes Gemeinschaftsprojekt ist anders. Doch da die meisten von uns nicht nur von Luft und Liebe leben, müssen Haus, Einrichtung und Zusammenleben natürlich finanziert werden. Während viele Projekte ihre Immobilien kaufen und die oft sehr großen Kreditsummen über Genossenschaftsbeiträge oder Darlehen der Bewohner finanzieren, haben wir uns für ein Pachtmodell entschieden. So ist es auch Menschen ohne großes Vermögen möglich, sich bei uns anzusiedeln. Aus unserer Sicht ist so innerhalb unserer Gemeinschaft eine Geld-Hierarchie unwahrscheinlicher. Und doch ist es wichtig, dass jeder auf seine Art seinen Beitrag leistet. Voraussetzung ist, dass man sich selbst bewusst macht, was man einer Gemeinschaft geben kann und möchte. Aus Mangel heraus kann keine gesunde Gemeinschaft entstehen. Am Ende geht es in Gemeinschaft auch um so viel mehr als die Beitrittskosten. Wenn sich Menschen zusammenfinden, die Lust auf ein gemeinsames Projekt haben, findet sich ein Weg der Finanzierung. Daraus sind viele spannende Wege der Solidarität entstanden.

Welche Kompetenzen sollten neue Mitwirkende mitbringen?

Uns ist wichtig, dass jeder seine Stärken und Fähigkeiten gleichberechtigt und gleichwertig in unser Projekt einbringen darf. – Jeder soll das tun, was er am besten kann! Für ein harmonisches Zusammenleben braucht es natürlich noch etwas mehr. Daher lernen wir neue Mitbewohner bei mehreren Treffen ausgiebig kennen. Elementar ist dabei für uns, dass Menschen gut mit sich selbst sein können. Die zentrale Frage auf dem Weg in Gemeinschaft sollte sein: Was möchte ich (weiter-)geben? – Wir wünschen uns Menschen, die ihre Fülle in unser gemeinsames Projekt tragen möchten, damit zusammen etwas größeres für alle entstehen kann.

Was sind Deine Erfahrungen mit bring-together?

Inzwischen sind viele der von mir begleiteten Projekte auf bring-together vertreten und ich freue mich, der Plattform von Beginn an beim Wachsen zuschauen zu dürfen! Immer wieder öffnen wir auch unser Haus für Wohnprojekt-Interessierte und bieten Info-Wochenenden an. Gäste auf Gemeinschaftssuche sind bei uns immer gerne gesehen. Da wir auch unsere liebe WG-Oma Regina über bring-together gefunden haben, besteht natürlich eine ganz besondere Verbindung!

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