Als Gemeinschaft ein Hotel betreiben

2. Februar 2021 Lesezeit: Interview, Home Story, Mitstreiter
Das Architektenpaar Leichs-Knapp entwickelte ein Konzept für ein außergewöhnliches Gemeinschaftsprojekt. Dafür gründeten sie den Verein Wohnhotel n.e.V.. Christian Knapp erzählt uns, wie eine Gemeinschaft ein Hotel betreiben kann und was das Paar zu dieser Idee inspiriert hat.

Interview mit Christian Knapp

Das Wohnhotel wird 12-14 Apartments sowie eine ähnliche Anzahl Hotelzimmer umfassen. Dort möchte die Gemeinschaft nicht nur gemeinsam leben, sondern auch gemeinsam arbeiten. Durch das Zusammenspiel von Hotel, Café und Wohnen entstehen Synergie-Effekte für alle Beteiligten: der Gemeinschaft und dem Hotelbetrieb.

Möchtest Du Dich kurz vorstellen?

Ich wohne und arbeite seit rund 25 Jahren im Raum Bodensee in Baden-Württemberg als selbständiger Freier Architekt und Sachverständiger für Bauschäden. Zuvor habe ich längere Zeit in Berlin gelebt. Ich bin verheiratet, unser Sohn ist mittlerweile ausgezogen.

Was hat Dich zu dem Konzept »Wohnhotel« inspiriert?

Freunde und Bekannte haben bei uns schon immer einen hohen Stellenwert gehabt. So haben wir z. B. Weihnachten stets im Freundeskreis gefeiert. Vor Jahren hat uns dann ein Restaurant in Schweden durch seine familiäre Atmosphäre verzaubert. Warum nicht die Gastfreundschaft und das Zusammensein mit Freunden verbinden? Warum nicht eine Aktivität außerhalb des Berufs etablieren? Da ist die Idee des Wohnhotels entstanden.

Beschränkt sich die gemeinsame Arbeit auf die Tätigkeiten im Hotel?

Erstmal ja. Aber da sind wir grundsätzlich offen, wenn sich unsere Bewohner mit ihren Schwerpunkten einbringen. Sei es mit einem regelmäßigen Filmabend, einem Tanzkurs oder mit einem Fahrradverleih.

Sind externe Dienstleister für den Hotelbetrieb geplant?

Ja, auch eine Geschäftsführung. Es soll ein kleines familiengeführtes, aber professionell betriebenes Hotel sein. Für die Geschäftsführung ist es allerdings von Vorteil, dass sie auf uns als »Mitarbeitende in Bereitschaft« zurückgreifen kann. Fällt jemand kurzfristig aus oder gibt es einen unvorhergesehenen Gästeandrang, können wir schnell einspringen. Zudem möchten wir vom Hotelservice profitieren, z. B. von den Reinigungskräften, die auch mal Apartments sauber machen, weil die Bewohner krank oder verhindert sind.

Wie wird sichergestellt, dass Hotel und Café wirtschaftlich tragfähig sind?

Wir verkleinern unseren privaten Wohnraum und nutzen im Gegenzug die Gemeinschaftsräume des Hotels. Das spart Kosten und Fläche. Wir halten z. B. kein privates Gästezimmer vor, sondern quartieren unsere Gäste im Hotel ein und nutzen das gemeinschaftliche Kaminzimmer. Zudem können wir den Seminarraum oder das Café für einen großen Geburtstag oder eine andere Zusammenkünfte mieten. Das ergibt eine gewisse Grundauslastung für das Hotel.

Das Café dient uns als Möglichkeit zusammen zu essen, wenn man nicht alleine in seinem Apartment kochen will. Die Arbeit des Kochens fällt ja ohnehin für jeden einzelnen an, da können wir das auch gemeinschaftlich tun. Wenn man an gewissen Tagen für die anderen mit kocht, kann man sich an anderen Tagen einfach an den fertig gedeckten Tisch zu setzen. Da wir sowieso ein größeres Mittagessen zubereiten, können wir das auch gleich für einen größeren Kundenkreis anbieten.

Werden die zukünftigen BewohnerInnen nach bestimmten Kompetenzen ausgesucht?

Die zukünftigen Bewohner sollten die Projektidee mittragen. Wer von vornherein einziehen und nicht mitarbeiten will, ist nicht richtig im Wohnhotel. Die Art der Mitarbeit ist dabei flexibel. Das kann z. B. an der Rezeption, in der Küche oder in der Hotelverwaltung sein. Außerdem kann man durch die Mitarbeit im Hotel seine Miete senken, das ist attraktiv.

Welche Eigenschaften sollten zukünftige BewohnerInnen mitbringen?

Die Mitbewohner müssen verbindlich und zuverlässig sein, gerne mit anderen Menschen leben wollen. Sie sollten Geduld und Risikobereitschaft mitbringen. Und sie sollten einigermaßen flexibel sein, denn das Zusammenleben muss sich immer wieder neu an veränderte Verhältnisse und Menschen anpassen.

Wird außerhalb des gemeinsamen Arbeitens auch Gemeinschaft gelebt?

Im Hotel sind verschiedene Gemeinschaftsräume vorgesehen. Ein Kaminzimmer für ruhige Abende. Seminarräume, die wir für eine Besprechung eines anstehenden Mieterwechsel nutzen können. Oder eben für ein Sommerfest.

Wieviel Rückzug bleibt da noch für jeden Einzelnen?

Der hauptsächliche Rückzugsort ist das private Apartment. Die Gemeinschaftsräume haben verschiedene Funktionen, die auch Rückzug ermöglichen. So ist es z. B. in der Bibliothek ruhig, so dass man in Ruhe lesen oder arbeiten kann.

Was sind die größten Hürden im Zusammenhang mit der Grundstückssuche?

Lage und Größe müssen stimmen. Ich gehe davon aus, dass wir die barrierefreien Apartments neu bauen müssen. Das muss natürlich auf dem Grundstück baurechtlich möglich sein, genauso wie der Betrieb eines Hotels. Bislang waren die Objekte entweder zu groß, zu teuer oder der Betrieb eines Hotels war nicht zulässig. Die ideelle Unterstützung der Kommune ist wichtig und hilfreich. Die Kommune muss verstehen, dass wir ihr auch etwas zurückgeben, vor allem städtisches Leben.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Eine passende Immobilie und nette, tatkräftige MitbewohnerInnen. Sowie Unterstützung, z. B. als finanzielle Einlage, von Menschen, die unsere Idee gut finden.

Was sind Deine bisherigen Erfahrungen mit bring-together?

Wir sind durch eine Empfehlung auf bring-together aufmerksam geworden. Die Plattform finde ich grundsätzlich gut. Die Interessierten lesen jedoch oft nicht wichtige Informationen. Z.B. schreibt jemand: »Ich habe kein Geld und will mitmachen.« Wir benötigen jedoch Teilnehmende, die ca 70-80.000 € als Einlage mitbringen. Auch wenn wir versuchen, dass jeder mitmachen kann, so entbindet das nicht die Interessierten, selbst Verantwortung für ihren Beitrag zu übernehmen.

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