Hänsel und Gretel auf asiatisch

20. Januar 2016 Lesezeit:
Unsere heutige Gesellschaft verroht? Dann lesen Sie sich mal wieder die für unsere Ohren grausam klingenden Märchen der Gebrüder Grimm durch! Damals muss es doch alles viel schlimmer gewesen sein! Oder?
Illustration: Manuela Murschetz
Illustration: Manuela Murschetz

Beispiel: „Hänsel und Gretel“. Bettelarme Eltern, die ihre Kinder im Wald aussetzen, erscheinen uns heute so weit entfernt und absurd-schaurig, dass politisch-korrekte Ambitions-Pädagogen fordern, die Geschichte mit einem Selbsterfahrungs-Aufenthalt in freier Natur beginnen zu lassen, wo Hänsel und Gretel spielerisch ihre Ur-Instinkte und den toleranten Umgang mit Andersartigen (Hexe) erlernen.

Ich denke jedoch, im Zuge der Modernisierung und des Alterspyramiden-Kopfstandes müsste „Hänsel und Gretel“ einen gänzlich neuen Erzählungsverlauf erhalten:

Das kosmopolitische Geschwister-Paar Hannes und Greta, mittlerweile globalisiert erfolgreich in der Weltgeschichte unterwegs, setzt seine alten Eltern im Wald aus! Dort treffen diese aber nicht auf die böse Hexe im Knusperhäuschen – schlimmer! Sie werden in ein steriles, einsam gelegenes Altenheim verfrachtet und dort, einem Komposthaufen gleich, dem  Verrottungsprozess via Isolationshaft zugeführt, die zumeist auch im Brennofen endet. Da brauchts heute keine Hexe mehr dazu.

In Asien wird die Hardcore-Umkehrversion von Hänsel und Gretel vielfach schon praktiziert. Zunehmend werden senile alte Menschen, die sich nicht mehr an ihre Identität erinnern können, einfach von Angehörigen am Straßenrand ausgesetzt. Mangels Sozialsystem werden sie im günstigsten Falle notdürftig unter freiem Himmel von karitativen Organisationen mit Nahrung versorgt, solange sie diese noch selbst zu sich nehmen können. Am Ende des Tages ist unsere moderne Zivilisation also doch wieder im Mittelalter angekommen.

Wir haben die Chance, den Geschichten einen anderen Verlauf zu geben. Deutschland gehört zu den privilegierten Ländern, die die Freiheit bieten, kreative und sinnvolle neue Lebenskonzepte umzusetzen.

Den doppelten Boden der Großfamilie gibt es nicht mehr. Das hat nicht nur für alte Menschen erhebliche Nachteile sondern auch für Familien, allein Erziehende sowie für Singles. Es ist an der Zeit, sinnvolle Synergien und Partnerschaften mittels moderner Wohnprojekte zu bilden, um das Leben für uns alle lebenswert zu erhalten. Denn die Einsamkeit ist die seelische Hungersnot dieses Jahrhunderts. Her mit den WG-Knusperhäuschen, wo Hänsel und Gretel mit ihren Eltern, der Hexe und den Gebrüdern Grimm friedlich zusammen leben. #welcomeatbringtogether

Autoren

Katharina Cruse

Katharina Cruse

Die im Raum Köln-Bonn lebende Marketing-Managerin arbeitet u.a. für Modehandelsunternehmen und als Freelancerin für Werbeagenturen sowie als freie Autorin.

Karin Demming

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

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