Werte und Toleranz in der Realität

Unsere Erfahrungen zeigen, dass viele Menschen auf dem Weg in ein Gemeinschaftsprojekt entweder völlig unvorbereitet sind oder aber dem romantischen Glauben unterliegen, dass ein paar Begrifflichkeiten ausreichend sind, um miteinander auszukommen.

Zum Beispiel der Begriff Toleranz. Viele behaupten von sich, sie seien tolerant oder sie suchen tolerante Mitstreiter. Nur wenige sind sich bewusst, dass jeder etwas anderes darunter versteht. Ab wann ist man tolerant? Und ab welchem Punkt hört die Toleranz auf? Die Erklärung bei Wikipedia: „Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen anderer oder fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten“.

Wir hören öfter von Gemeinschaftssuchenden: „wir sind eine tolerante Gemeinschaft“, fast im gleichen Atemzug geben sie zu verstehen, dass sie auf keinen Fall Raucher in ihrer Gemeinschaft dulden wollen. Oder Nicht-Fleischesser, die dann doch lieber ihren Esstisch mit Gleichgesinnten teilen möchten. An diesem Punkt ist dann doch die Toleranzschwelle schnell überschritten. Die Intoleranz in der Toleranz zieht sich durch unzählige Lebensbereiche  – bei der Ernährung, Religion oder Spiritualität, Politik oder auch scheinbar ganz banale und alltägliche Bereiche wie z.B. bei den Themen Ruhe oder Ordnung ist das Toleranzempfinden jedes einzelnen ein völlig anderes. Das Geltenlassen anderer Ansichten ist offensichtlich doch schwerer zu ertragen, als einem selbst bewusst ist.

Bei unserem Workshop für Gemeinschaftsbildung erleben wir die „Aha-Effekte“ – das Erstaunen der Teilnehmer bei der Erkenntnis, dass gerade bei den alltäglichen kleinen Dingen, die das Leben ausmachen, unterschiedliche Sicht- und Handlungsweisen zum Vorschein kommen, die man eben tolerieren kann, oder auch nicht. Deshalb ist es so wichtig schon vor dem Schritt in eine Gemeinschaft, die eigenen Bedürfnisse, Werte und Wünsche und auch seine Grenzen im Alltäglichen genau zu benennen, anstatt Begriffe wie Toleranz zu verwenden.