Studie »Suffiziente Wohnkultur« – unsere Ergebnisse
Darum geht es
Wir haben in der Vergangenheit bereits darüber berichtet, dass wir Teil einer gemeinsamen Studie zusammen mit dem Berliner Institut für Sozialforschung (BIS) und dem ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg sein dürfen. Wir haben uns tiefgehend mit der Frage beschäftigt, wie bedürfnisorientiertes, generationengerechtes und umweltverträgliches Wohnen in Deutschland praktisch umgesetzt werden kann. Nach zwei Jahren Forschung, empirischen Befragungen und wertvollem Austausch können wir es kaum erwarten, die Ergebnisse und konkrete Handlungsempfehlungen nun auch hier in unserem Blog zu teilen.
Das Kernziel des Projekts
Das Projekt möchte eine Wohnkultur in Deutschland fördern, die bedürfnisorientiert, generationengerecht und umweltverträglich ist. Das Hauptziel besteht darin, Strategien zu entwickeln, um die Wohnfläche pro Person signifikant zu reduzieren – insbesondere nach der sogenannten Familienphase (wenn die Kinder ausgezogen sind), ohne dass dabei Wohnkomfort oder Lebensqualität verloren gehen.
Die drei Dimensionen des Projekts
Das Forschungsvorhaben stützt sich auf drei zentrale Säulen:
Bedürfnisorientierung: Untersuchung der Wohnbedürfnisse und der Akzeptanz von (älteren) Menschen, die nach der Familienphase oft in zu großen Wohnungen leben. Es werden Lösungen gesucht, die einen Umzug in kleinere, bedarfsgerechte Wohnungen erleichtern oder eine optimale Nutzung des bestehenden Raums ermöglichen (z. B. durch Untervermietung oder gemeinschaftliches Wohnen).
Generationengerechtigkeit: Entwicklung von Wohnstrategien für alle Generationen. Wenn ältere Menschen in barrierefreie, kleinere Wohnungen wechseln, wird dadurch gleichzeitig dringend benötigter, größerer Wohnraum für junge Familien frei.
Umweltverträglichkeit: Schonung von Ressourcen und Reduktion von CO2-Emissionen durch die Verringerung der durchschnittlichen Pro-Kopf-Wohnfläche. Um dies zu fördern, werden positive Narrative entwickelt, die "suffizientes Wohnen" als attraktives und nachhaltiges Lebensmodell greifbar machen.
Methodisches Vorgehen
Im Forschungsvorhaben wurde ein Mixed-Method-Ansatz gewählt, bei dem qualitative und quantitative Forschungsmethoden kombiniert eingesetzt wurden. Dies erlaubte eine möglichst umfassende Untersuchung der komplexen Fragestellungen rund um Umweltverträglichkeit, Bedürfnisorientierung und Generationengerechtigkeit. Dabei wurden Stakeholder*innen-Interviews, Fokusgruppen, eine bundesweite Breitenbefragung, Kommunalworkshops sowie ökologische, juristische und wohnraumpotenzialbezogene Analysen einbezogen.
Zunächst wurden Expert*innen aus verschiedenen Berufsfeldern befragt, darunter beispielsweise Wohnprojekte, Tauschbörsen und Tiny House Vereine. Dabei wurden Herausforderungen und Potenziale der Zielgruppe hinsichtlich suffizienter Wohnformen herausgestellt. Im weiteren Verlauf wurden drei Fokusgruppen durchgeführt, die sich aus dem ländlichen, den kleinstädtischen und großstädtischen Raum zusammensetzten. Schließlich wurde eine standardisierte Online-Befragung durchgeführt. Dabei nahmen die Befragten an einer experimentellen Bewertung unterschiedlicher Wohnszenarien teil. Weiterhin wurden ökologische und juristische Analysen einbezogen, um das interdisziplinär verwobene Gesamtbild der Ausgangssituation umfassend abzubilden. Die kommunalen Workshops vervollständigten die Erhebung durch wertvolles implizites Erfahrungswissen aus verschiedenen Berufsfeldern und konstruktive Impulse innerhalb eines kreativen Austausches.
Zentral bei der Erhebung waren folgende Fragestellungen:
Forschungsfrage 1: Wie beurteilen Menschen in der Nachfamilienphase im Eigenheim ihre gegenwärtige Wohnform?
Forschungsfrage 2: Wie hoch ist die Akzeptanz von Alternativen mit einer signifikant reduzierten Wohnfläche?
Forschungsfrage 3: Welche Faktoren beeinflussen die Meinung?
Ziel
SuWoKu untersucht und fördert die Akzeptanz einer bedürfnisorientierten, generationen- und umweltgerechten Wohnraumnutzung auf kommunaler Ebene. Die Studie analysiert die Motivationen und Barrieren verschiedener Bevölkerungsgruppen bei der Umstellung auf suffizientes Wohnen – sowohl auf persönlicher als auch auf kommunaler Ebene. Darauf aufbauend werden Strategien zur Überwindung dieser Hemmnisse entwickelt. Die empirischen Ergebnisse dienen als Fundament, um gesellschaftliche, politische und ökologische Debatten über eine zukunftsfähige Wohnkultur anzustoßen.
Ergebnisse
Erkenntnisse aus den Expert*inneninterviews: Der Wandel zu einer suffizienten Wohnkultur gelingt nur, wenn individuelle Bedürfnisse, passende Strukturen und neue gesellschaftliche Leitbilder ineinandergreifen. Da Wohnraum ein emotionaler, biografisch aufgeladener Ort ist, erfordern Veränderungen wie Umzug, Umbau oder Vermietung sensible Beratung und praktische Unterstützung, um Unsicherheiten abzubauen. Besonders für ältere Menschen spielt dabei auch die soziale Einbindung in neuen Wohnformen eine große Rolle. Um den Wandel erfolgreich zu gestalten, müssen positive Narrative gefördert werden, die suffizientes Wohnen nicht als Verzicht, sondern als echten Qualitätsgewinn vermitteln. Hier geht's zum Bericht zu den Expert*inneninterviews.
Die Fokusgruppen zeigen, obwohl die aktuelle Wohnsituation überwiegend positiv bewertet wird, treten zugleich im Zusammenhang zunehmendem Alter vermehrt Belastungen auf. Dabei stellen der Pflegebedarf und auch die Instandhaltungen bisweilen schwer zu bewältigende Hürden dar, die wiederum durch suffiziente, beispielsweise barrierefreie Wohnkonzepte adressiert werden. Die Wahrnehmung der Wohnsituation wird weiterhin beeinflusst durch die Nähe zum sozialen Umfeld, Grünflächen und Einrichtungen, die Möglichkeit der Selbstgestaltung und den angemessenen damit verbundenen finanziellen Verpflichtungen. Insgesamt ist die Bereitschaft innerhalb der Fokusgruppen zur Wohnraumveränderung gering und zudem stark von den jeweiligen Bedingungen abhängig. Alternative Wohnformen gewinnen bei entsprechenden relevanten Vorteilen an Attraktivität. Hier geht's zum Bericht zu den Fokusgruppen.
Die standardisierte Befragung ergab, dass insbesondere Personen im Alter von 50 bis 65 Jahren eine höhere Unzufriedenheit mit ihrer aktuellen Wohnsituation aufweisen. Unzufriedenheit hierbei bedeutet, die gegenwärtige Wohnform eher verlassen und sich auf eine neue einlassen zu wollen. Generell sind Besitzer*innen von Eigenheimen eher bereit dazu, umzuziehen statt ihren Wohnraum umzubauen. Die Attraktivität eines suffizienten Wohnraumes wird auch hier durch die Voraussetzung bezahlbaren, barrierearmen Wohnraums und relevanter, bedürfnisnaher Infrastruktur gesteigert. Ein Umbau des Eigenheims ist bei moderaten Baumaßnahmen und schneller Rückfinanzierung vorstellbar. Eine (anteilige) Vermietung des Eigenheims wird eher befürwortet, wenn kommunale Unterstützung bei der praktischen Umsetzung angeboten wird.
Bei den kommunalen Workshops wurden Möglichkeiten der Umsetzung diskutiert, praktische und strategische Aspekte beleuchtet und die Bedeutsamkeit der Zusammenarbeit mit den Kommunen als entscheidend betont. Ihnen kommt eine erhebliche Rolle bei der Aufklärung über rechtliche und bauliche Voraussetzungen sowie bei der generellen Unterstützung konkreter Realisierung zu. Zugleich zeigt sich, dass Kommunen bisher relativ eingeschränkt agieren können, da ihnen notwendige finanzielle Mittel und erforderliche Informationen über die tatsächliche Wohnraumnutzung fehlen. Doch bleibt das Potenzial, Informationskampagnen umzusetzen, Grundstücke zu erwerben und so von den Zwängen des Marktes auszuschließen. Weiterhin können Kommunen durch Veränderungssperren und Bauzwang Einfluss auf die Nutzung bestehender Wohnhäuser nehmen.
Zur individuellen Nutzung im Bereich der Arbeit zur suffizienten Wohnkultur auf kommunaler Ebene bietet sich das Faktenblatt an, da dieses als eine "neutrale" Version konzipiert ist und nach eigenen Bedarfen angepasst werden kann. Das Faktenblatt regt praktische Denkansätze an, die insbesondere ältere Menschen abholen können, deren aktuelle Wohnsituation nicht mehr ganz zu ihren Bedürfnissen passt. Mit unkomplizierten Impulsen werden vielseitige Lösungen hinsichtlich des Veränderungsprozesses hin zum suffizienteren Wohnen aufgezeigt. Dabei wird mitunter der häufige Wunsch, möglichst bis in hohe Alter selbstbestimmt wohnen zu können einbezogen und in leicht zugänglicher Sprache auf naheliegende Möglichkeiten aufmerksam gemacht. Die Handreichung kann praktisch zur Sensibilisierung zur Wohnraumanpassung verwendet werden. Hier geht's zum Faktenblatt.
Die rechtliche Analyse verdeutlicht, dass die Förderung suffizienter Wohnformen über reine Informationsangebote hinausgeht. Entscheidend sind auch passende rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen, die entsprechende Veränderungen erleichtern.
Kommunen können hierzu eigene Beratungs- und Unterstützungsangebote schaffen, Fördermaßnahmen auflegen oder Strategien entwickeln, um bestehende Wohnraumpotenziale besser zu nutzen. Auch kommunale Satzungen bieten Möglichkeiten, solche Maßnahmen rechtssicher zu verankern. Kommunale Informations- und Beratungsangebote spielen eine wichtige Rolle dabei, Möglichkeiten sichtbar zu machen, Vorbehalte abzubauen und Bürger*innen bei informierten Entscheidungen über alternative Wohnformen zu unterstützen. Unter den bestehenden rechtlichen Voraussetzungen können Kommunen so einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigeren und suffizienten Wohnkultur leisten.
Das Gutachten verdeutlicht, dass zahlreiche verbreitete Vorstellungen zu Vermietung, Umbau, Eigentumsübertragung oder der Finanzierung von Pflegekosten rechtlich nicht haltbar oder nur eingeschränkt zutreffend sind. Es ordnet die relevanten Rechtsfragen systematisch ein und zeigt auf, welche Handlungsmöglichkeiten Eigentümerinnen und Kommunen tatsächlich haben. Damit schafft es eine fundierte Grundlage für die Bewertung rechtlicher Rahmenbedingungen und unterstützt Kommunen sowie Bürgerinnen dabei, informierte Entscheidungen zu treffen und alternative Wohnformen auf einer verlässlichen Wissensbasis zu entwickeln.
Handlungsempfehlungen
Ein Aufbau einer suffiziente Wohnstruktur muss in strukturelle Rahmenbedingungen eingebettet werden, um die erforderlichen rechtlichen, baulichen und finanziellen Voraussetzungen zu schaffen. Da die lokalen Unterstützungsmöglichkeiten derzeit stark limitiert sind, zeigt sich hier ein klarer Anpassungsbedarf. Daher müssen die Spielräume auf kommunaler Ebene erweitert werden, um die praktische Handlungsfähigkeit zu stärken. Aus diesen Erkenntnissen resultieren politische Handlungsempfehlungen mit konkreten Maßnahmen für alle föderalen Ebenen, angefangen beim Bund, über die Bundesländer hin zu den Kommunen. Neben der Schaffung gesetzlicher Voraussetzungen zur Ermöglichung von Wohnungsveränderungen sind finanzpolitische Anreize neben steuerlichen Maßnahmen zielführend zur flächendeckenden Förderung. Ergänzend kann das Projekt SuWoKu schließlich im Rahmen einer bundesweiten Kampagne verbreitet werden.
Erstellt von Karin Demming | Linkedin folgen
Dieses Projekt wurde gefördert vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, im Auftrag des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen aus Mitteln der Zukunft Bau Forschungsförderung.
Dieses Projekt entsteht in Kooperation mit BIS Berliner Institut für Sozialforschung, ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg gGmbH und bring-together
Autor:innen:
Janika Gabriel
Dr. Felix Bader
Dr. Dominikus Vogl
Patrick Zimmermann
Dr. Lars-Arvid Brischke
Karin Demming
Unter Mitarbeit von
Sophia Stricker
Marlene Fauth
Laura-Annabelle
Contreras y Duran