Interview mit der Pflegeleitung einer Demenz-WG

9. Januar 2016 Lesezeit:
In der letzten Woche hat bring-together. über das selbstbestimmte Leben in einer Demenz-WG in Leipzig/Wahren berichtet. Demenziell erkrankte Menschen brauchen ein überschaubares Umfeld, eine individuelle Betreuung und die Möglichkeit, sich richtig zu Hause zu fühlen. Aber was genau ist denn der Unterschied dieser alternativen Wohnform zur herkömmlichen Pflege in einem Heim? Dazu haben wir die Pflegeleitung Frau K. Brandt der advita Pflegedienst GmbH befragt.
Bild: advita pflegedienst GmbH
Bild: advita pflegedienst GmbH

Es gibt viele Menschen, die sich noch keine Gedanken über alternative Wohnformen für Demenzerkrankte gemacht haben. Können Sie unseren Lesern den Unterschied zwischen einem Alten-und Pflegeheim zu einer Demenz-Wohngemeinschaft erklären?

Das Leben in betreuten Wohngemeinschaften ist eine attraktive Alternative zum Leben in einem Heim oder in einer anderen klinischen Einrichtung. Man erhält in unseren Demenz WG´s durch ständig geschulte Mitarbeiter sowie Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen Fachkraft, Hilfskraft, Therapeuten, Schwestern aus dem Krankenhaus, auch eine professionelle Versorgung, was das Medizinische und Pflegerische betrifft.

Aber ganz wichtig finde ich die individuelle Versorgung rund um die Uhr in Gemeinschaft und einem “Zuhause-Gefühl”.

In einer Demenz-WG kann man sich ein Zimmer anmieten und ganz individuell mit eigenen Möbeln und Erinnerungsstücken einrichten – ganz wie in einer herkömmlichen Wohngemeinschaft. Hier können Sie selbst frei bestimmen, was Sie wann tun oder lassen möchten, sei es gemütliches Ausschlafen am Wochenende, im eigenen Zimmer entspannt ein Buch lesen oder fernsehen, auf dem Balkon die Sonne genießen oder im Gemeinschaftsraum zusammen mit den anderen Bewohnern gesellig Kaffee trinken und plaudern. Die Bewohner können sich frei bewegen und ihnen wird niemand Vorschriften machen.

Die Schwestern haben die Möglichkeit die Grundpflege bei den Bewohnern in Ruhe durchzuführen und können so die die Bewohner zur Selbstständigkeit anregen oder motivieren.

Angehörige und Freunde können jederzeit die Bewohner besuchen und für einen Ausflug oder einen Kurzurlaub auch nach Hause holen.

Bild: advita Pflegedienst GmbH
Bild: advita Pflegedienst GmbH

Niemand weiß, ob er in seinem Leben an Demenz erkranken wird. Kann man für sich eine Vorsorge treffen, sobald man die ersten Anzeichen bemerkt, um selbstbestimmt entscheiden zu können, in welcher Form man in so einem Fall leben möchte?

Ich würde mich vorher damit beschäftigen und mich über verschiedene Wohnformen interessieren und sie auch vorab besichtigen. Außerdem kann jeder für sich selbst eine Vorsorgevollmacht schreiben, wo man die möglichen Krankheitsbilder benennt und dazu die Entscheidung, wo man mal wohnen möchte oder wo auf gar keinen Fall. Diese lässt man, wenn man ganz sicher gehen will, bei einem Notar beglaubigen.

Inwieweit kann ein Mensch, der an Demenz erkrankt ist und sich vielleicht schon in einem fortgeschrittenem Stadium befindet, selbstbestimmt leben?

Das Selbstbestimmungsrecht ist insoweit eingeschränkt, dass der Betroffene keinen Mietvertrag mehr selbst unterschreiben kann oder bei der Einnahme von Medikamenten. Auch kann er nicht selbst entscheiden, einfach einen Spaziergang alleine zu machen, wenn man weiß, dass er alleine nie mehr zurück finden würde und er sich so selbst dabei in Gefahr bringen würde.

Aber er kann selbstbestimmt leben, in dem er entscheidet: “Nein, heute möchte ich nicht geduscht werden” oder “Ich möchte gerne das blaue Hemd anziehen”. Er entscheidet in seinen Urbedürfnissen zum Beispiel bei der Wahl des Gerichts zu Mittag, anstatt Wasser, trinkt er lieber Saft, das Fenster möchte er zu haben, weil es zieht oder wenn er sich gerne 3 Pullover anziehen mag, weil ihm zu kalt ist. Dann wird sein Wunsch dies selbständig zu tun respektiert und gewährt.

Bild: advita Pflegedienst GmbH
Bild: advita Pflegedienst GmbH

In einem gewöhnlichen Alten- und Pflegeheim ist der Tagesablauf sehr straff strukturiert, die Pflegekräfte haben dort in der Regel wenig bis gar keine Zeit, sich intensiv um jeden einzelnen Bewohner zu kümmern. Wie schaffen Sie es als Pflegekraft in einer Demenz-WG, die persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Bewohners zu berücksichtigen?

Zuallererst gibt es in Wohngemeinschaften einen besseren Personalschlüssel als zum Beispiel in einem Pflegeheim. Entsprechend ist eine Pflegekraft nur für wenige Bewohner zuständig und kann sich deshalb auch viel intensiver um die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen kümmern. Und natürlich haben auch wir einen Tourenplan, der auf die Wünsche und unterschiedlichen Gegebenheiten der einzelnen Bewohner geschrieben ist. Aber dieser Plan dient hauptsächlich neuen Mitarbeitern, als Vertretung oder zur Einarbeitung. Das feste Team kennt seine Bewohner und Vorlieben, wie zum Beispiel länger zu schlafen oder am Morgen längere Zeit im Bad zu verbringen.

Die Bewohner müssen nicht pünktlich um 8 Uhr Frühstücken, dies kann immer unterschiedlich geschehen, vielleicht kommt der letzte erst 10 Uhr zum Frühstückstisch. Auch wenn sich ein Bewohner an einem Tag nicht wohl fühlt, um in die Tagespflege zu gehen, wird er von niemandem gezwungen. Er entscheidet dann selbst, ob er lieber in der WG an diesem Tag bleiben möchte.

In der WG gibt es eine Leitungskraft, die sich um Rezepte und Organisatorisches kümmert sowie eine Köchin und eine Hauswirtschafterin für die Reinigung der Zimmer und der Wäsche. Die Schwestern haben nur die Aufgaben der Pflege der Bewohner und die Dokumentation und somit auch die Ruhe und Zeit, sich für den ein oder anderen ganz individuell zu kümmern. Außerdem leben in dieser Wohngemeinschaft Bewohner mit unterschiedlichen Pflegestufen und folglich unterschiedlichem Zeitbedarf. Dies ist sehr ausgewogen und somit haben die Pflegekräfte genau die Zeit für die Bewohner, die jeder einzelne wirklich braucht.

Nun habe ich noch eine letzte Frage an Sie. Die Bewohner Ihrer WG sind ja nicht alle im gleichen Stadium ihrer Erkrankung? Wie kommen denn die Bewohner selbst miteinander klar?

Ich würde sagen, so wie auch in einer normalen Wohngemeinschaft, in der Familie oder unter Freunden.

Klar gibt es auch mal kleine Streitigkeiten. Es wird gefeiert, getrauert und gelästert, alles ganz normale Situationen unter den Bewohnern und diese sind auch wichtig. Sie versuchen sich gegenseitig im ganz normalen Tagesablauf zu unterstützen, auch mit kleinen Gesten, jeder so, wie er kann.

Vielen Dank für das angenehme Gespräch.

 

Kontakt:

advita Pflegedienst GmbH
Kantstraße 151
10623 Berlin

www.advita.de

Autoren

Karin Demming

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

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