Warum ist die Generation 50+ der Schlüssel für die Wohnwende?
Doch warum ist ausgerechnet diese Lebensphase so entscheidend, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen vor und wie lässt sich das Potenzial ungenutzter Wohnfläche zum Vorteil aller Generationen entfalten?
Die Typologie einer Einfamilienhaus-Biografie: Wo Wohnraum »wächst«
Ein Blick auf den typischen Lebenslauf von Eigenheimbesitzenden verdeutlicht die Dynamik:
- Einzug & Familienphase: Durchschnittlich im Alter von 37 Jahren beziehen Paare oder junge Familien ein neu gebautes Einfamilienhaus.
- Auszug der Kinder: Nach etwa 17 Jahren gemeinsamer Zeit verlassen die Kinder das Haus. Zu diesem Zeitpunkt sind die Eltern im Schnitt 54 Jahre alt.
- Die Nach-Familienphase: Ab etwa 54 Jahren beginnt dieser neue Lebensabschnitt. Das Haus, das einst für eine ganze Familie ausgelegt war, wird nun meist nur noch von ein bis zwei Personen bewohnt.
Die Folgen der Unterbelegung in Zahlen
Während der bundesweite Durchschnitt bei rund 49 Quadratmetern Wohnfläche pro Kopf liegt, verfügen Paare in der Nach-Familienphase im Einfamilienhaus typischerweise über 5 Zimmer und durchschnittlich mehr als 60 Quadratmeter Wohnfläche pro Person.
Dieser große Wohnraum bringt jedoch nicht nur Vorteile durch viel Platz, sondern auch spürbare Belastungen mit sich:
- Finanzieller Aufwand: Laufende Kredite, Nebenkosten und Instandhaltung belaufen sich im Schnitt auf ca. 440 Euro im Monat (was etwa 13 % des Nettoeinkommens ausmacht).
- Zeitaufwand & Pflege: Rund 30 Stunden pro Monat investieren Eigentümer:innen in die Pflege, Reinigung und Instandhaltung von Haus und Grundstück – eine Arbeitslast, die mit steigendem Alter zunehmend als beschwerlich wahrgenommen wird.
Drei Wege zu mehr Suffizienz im Wohnbestand
Die Studie unterscheidet drei wesentliche Pfade, wie großzügiger Wohnraum in der Nach-Familienphase flächensparend und bedürfnisorientiert genutzt werden kann:
- Umzug in ein Mehrfamilienhaus: Das gesamte Einfamilienhaus wird für den Verkauf oder die Vermietung frei, sodass eine Familie oder eine Wohngemeinschaft nachrücken kann.
- Umbau & Abtrennung (Einliegerwohnung): Durch bauliche Anpassungen entsteht eine zweite, rechtlich getrennte Wohneinheit mit eigenem Eingang. Diese kann vermietet oder verkauft werden.
- Vermietung einzelner Zimmer (Wohngemeinschaft): Ohne großen baulichen Umbau werden bisher ungenutzte Zimmer an andere Menschen (z. B. Studierende oder Auszubildende) untervermietet, während Gemeinschaftsräume geteilt werden.
Forschungsergebnisse: Wer ist veränderungsbereit und was treibt sie an?
Entgegen dem Vorurteil, ältere Menschen seien starr an ihr Wohneigentum gebunden, belegen die Studienergebnisse eine klare Offenheit für Veränderungen – vorausgesetzt, die Bedingungen stimmen.
Wer zeigt die höchste Bereitschaft?
- Einkommen & Belastung: Tendenziell zeigen Personen mit weniger hohem Einkommen eine höhere Veränderungsbereitschaft, da der Aufwand für Erhalt und Betrieb des großen Hauses bei ihnen finanziell stärker ins Gewicht fällt. (Ausnahme: Hohe Umbaukosten bei der Abtrennung einer Einliegerwohnung können für diese Gruppe eine Hürde darstellen.)
- Demografie & Bildung: Insbesondere Frauen sowie Personen mit höherem Bildungsabschluss (Abitur) erweisen sich als besonders aufgeschlossen gegenüber suffizienten Wohnformen.
- Altersunterschiede bei den Optionen: Während Personen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren eher zu einem Umbau des Eigenheims neigen, wächst bei den über 65-Jährigen die Bereitschaft zu einem vollständigen Umzug.
Was lässt Umzug, Umbau oder Teilen attraktiv werden?
Damit aus der theoretischen Bereitschaft konkretes Handeln wird, müssen Angebote passgenau auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten sein:
- Kriterien für einen gelingenden Umzug: Befragte mit hohem Suffizienzpotenzial (über 60 m² Wohnfläche p.P. in Regionen mit geringem Leerstand) entscheiden sich eher für einen Umzug, wenn die neue Wohnung bezahlbar, barrierefrei, zentral gelegen ist und eine gute Anbindung an Infrastruktur (Einkauf, Kultur, medizinische Versorgung) bietet. Bestenfalls verbleiben sie im vertrauten Quartier, um ihr soziales Netz zu wahren.
- Finanzielle Rahmenbedingungen beim Umbau: Ein Umbau zur Abtrennung einer Einliegerwohnung ist dann attraktiv, wenn sich die Investition innerhalb von maximal 10 Jahren refinanzieren lässt – etwa durch gezielte Förderungen von Planung und Bau. Alternativ kann der Verkauf der neu entstandenen Einliegerwohnung die Umbaukosten direkt decken.
- Unterstützung beim Teilen von Wohnraum: Bei der Zimmervermietung oder WG-Gründung sind die bürokratischen und persönlichen Hemmschwellen am höchsten. Hier helfen mustergültige rechtliche Begleitungen (z. B. bei Mietverträgen), die Möglichkeit befristeter Mietverträge zum Ausprobieren sowie Konzepte wie »Wohnen für Hilfe« oder die gezielte Vermietung an junge Menschen.
Fazit
Die SuWoKu-Studie zeigt eindrücklich: Die Bereitschaft zur Veränderung ist in der Generation 50+ längst vorhanden. Was es nun braucht, ist das Zusammenspiel aus verlässlicher Politik und modernen Lösungsansätzen.
Der Schritt in eine neue Wohnform in dieser Lebensphase bedeutet vor allem Gewinn an Lebensqualität. Wer Wohnraum anpasst, verkleinert oder teilt, befreit sich von monatlich Dutzenden Stunden Haus- und Gartenarbeit, senkt drückende Nebenkosten und gewinnt Zeit für die eigenen Interessen. Gleichzeitig schaffen neue Wohnkonzepte Sicherheit, Barrierefreiheit und lebendige Nachbarschaften – ein wirksamer Schutz vor Einsamkeit, der Selbstbestimmtheit und Gemeinschaft verbindet.
Damit diese Entscheidungen leichtfallen, muss die Politik mit gezielten Förderungen und bürokratiearmen Regeln den Rahmen ebnen. Auf digitaler Ebene schaffen Plattformen wie bring-together die nötige Vernetzung: Sie machen moderne Wohnformen sichtbar und schaffen Angebote für breite Bevölkerungsschichten.
Erstellt von Karin Demming | Linkedin folgen
Hier geht es zu allen Ergebnissen der Studie
Die Forschungsarbeit entstand in Kooperation mit BIS Berliner Institut für Sozialforschung, ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg gGmbH und bring-together