Heilung vom Klischee des spießigen Schrebergartens

21. Oktober 2015 Lesezeit:
Leipzig. Frische Zucchinisuppe und ein herzliches Gespräch mit drei Gartenbesitzern mitten in der Stadt. Unsere Autorin hat sich auf die Spuren der Nutzgärten und einer liebenswerten Freizeitbeschäftigung begeben. Selbst überrascht, erfährt sie eine Heilung vom Klischee des spießigen Schrebergartens.
Gemeinschaftsgarten

Ende August 2015 bin ich der Einladung eines Freundes gefolgt und war zu Besuch in einer Kleingartenanlage in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals im Süden der Stadt Leipzig. Dort traf ich mich mit drei sympathischen jungen Menschen, die sich im letzten Jahr zusammenfanden, um eine Gartengemeinschaft zu gründen. Auf dem Weg durch die Anlage, vorbei an den Parzellen der einzelnen Kleingartenbesitzer dachte ich darüber nach, dass ich es noch vor einigen Jahren ziemlich uncool fand, sich einer Schrebergartengemeinschaft anzuschließen. Ich hatte noch dieses alte Bild im Kopf und verband die Schrebergartenkultur eher mit Spießbürgern. Zu viele Regeln, an die man sich übertrieben genau halten muss, alles zu eng aufeinander, zu viele Aufgaben, die man noch zusätzlich übernehmen soll, Vereinsmeierei eben.

In Leipzig gibt es unzählige solcher Gartenanlagen, die ersten gab es hier 1869. Ob sie tatsächlich Herr Moritz Schreber erfunden hat, da scheiden sich die Vereinsgeister. Denn in Kappeln an der Schlei, in der Nähe von Flensburg wurde bereits am 28. April 1814 der erste Kleingartenverein gegründet. Und wie ich da so an den ersten Gärten vorbeischlendere, begegnen mir erstaunlich viele junge Menschen, die mich alle sehr nett begrüßten. Einige lugten über den Zaun, um zu sehen, wer vorbei kommt. Die Gärten waren äußerst üppig in ihrer Bewachsung und hatten nicht einen Hauch von spießigem Charakter. Ich merkte, wie mir mein Herz aufgeht und ich blieb sogar an manchen Zäunen stehen, um zu schauen, wie prachtvoll dort alles wächst und gedeiht. Wie viel Liebe da wohl hineingesteckt wird und vor allem Arbeit!

Zusammen gärtnern mit bring-togther

Angekommen am Gartentor von Michael, Matthias und Sybille, heißen mich die Drei herzlich willkommen und bieten mir sogleich ein erfrischendes Getränk an. Für mich hat der Garten eine angenehme Größe, dachte ich mir sofort, wo man durchaus auch ein paar Freunde mehr einladen kann, ohne sich direkt auf die Füße zu steigen. Am hinteren Ende des Grundstücks steht ein kleines Häuschen aus Stein, noch recht unbehandelt und ein bisschen baufällig, die rechte Seite wird gerade eingerissen, denn hier soll eine kleine Terrasse entstehen. Der Garten selbst ist paradiesisch! Es gab natürlich noch alten Baumbestand, als die Drei den Garten im letzten Jahr übernommen hatten. Vollbehangene Apfelbäume, verschiedenste Sträucher und bis auf den Flieder der vorher auch schon hier wuchs, ist alles was blüht in weiß.

»Ja«, sagt Matthias, »wir haben ein richtiges Konzept für diesen Garten«. Auch die Beete sind wie die damals typischen Bauerngärten angelegt, gevierteilt und mit Buchsbäumchen umzäunt, so dass die Bepflanzung jedes Jahr im Urzeigersinn gewechselt werden kann. Ich bin schwer beeindruckt, was hier alles wächst. »Da steckt wirklich ein ganzes Stück Arbeit drin, denn als wir den Garten übernommen haben, war hier alles zugewachsen und total verwildert« erzählt mir Matthias mit ein bisschen Stolz über das Resultat. Inzwischen wachsen hier sechs Sorten Kartoffeln, weiße Rote Beete, Mairüben, also Teltower Rübchen, Zwiebeln, Karotten, Bohnen, Endivie, Gurken, alle Kräuter, die man sich vorstellen kann. »Wir legen großen Wert darauf, dass wir auch wieder alte Sorten von Gemüse anpflanzen« erklärt er mir noch. Dabei nennt er Gemüsesorten, die ich noch nie zuvor gehört habe. Am Häuschen ranken fette Tomatensträucher und sogar Feigen haben hier ihren Platz gefunden. Der Duft der vielen Kräuter erinnert mich sofort an den Garten meiner Schwiegermutter, die in der Provence lebte und ich fühlte mich irgendwie gleich zu Hause.

Zusammen ernten mit bring-togther

Während ich mich mit Michael unterhalte, schält Sybille inzwischen die frisch geernteten Kartoffeln und bereitet die Außenküche vor. Mitten im Garten werden dann die hauchdünnen Kartoffel- und Zucchinischeibchen in einer Pfanne ausgebacken. Matthias deckt bereits den Tisch, der ebenfalls mitten im Garten an einem schattigen Platz steht. Überhaupt ist alles liebevoll arrangiert, unter dem ersten noch zarten Bäumchen steht ein altes, ehemaliges Eisenbett, in grau lackiert und zu einem angenehmen Ruheplatz umgebaut, wo auch durchaus mehrere Platz finden können. Überall sind Sitzgelegenheiten als Ruheoasen verteilt. Windlichter hängen zum Teil an den Bäumen.

Wir genießen als erstes die frische Zucchinisuppe. Zu den knusprigen Kartoffelchips gibt es einen selbstgemachten Ketchup aus Tomaten-Himbeeren. Wir tauschen uns über Rezepte aus und die Drei erzählen mir, dass sie sich in den letzten Wochen fast nur aus ihrem eigenen Anbau ernährt haben. »Wir mussten nur ein paar Kleinigkeiten hinzu kaufen« erwähnt Michael. Es ist angenehm warm, die Sonne ist gerade untergegangen und ich genieße die Zeit in diesem Garten. Auf meine Frage, wie sie denn auf die Idee gekommen sind, eine Gartengemeinschaft zu gründen, erzählten sie mir, dass sie zunächst nicht an einen Kleingarten gedacht hatten. Ursprünglich war ein anderes Projekt geplant und sie waren Anfangs zu Viert. Einer der Gruppe war abgesprungen und einer hatte bereits einen Garten. Von ihm erhielten sie die Info, dass ein Nachbargarten abgegeben wurde. So kam der Garten zu ihnen. Sie wollten einfach etwas schönes zusammen machen.

Zusammen kochen mit bring-togther

Gärtner war keiner von ihnen, das kam erst alles mit der Zeit. Zunächst musste der Garten entwildert werden, alte Baumwurzeln und das komplette Unkraut wurden entfernt, das ganze Erdreich musste zunächst umgegraben werden. Das Häuschen war in einem schlechten Zustand und voll mit altem Müll. Um dies zu bewerkstelligen war noch kein wirklicher Gärtnerverstand notwendig. Allerdings ist handwerkliches Geschick sehr hilfreich und es ist ohne Zweifel erst mal harte körperliche Arbeit. Während der Zeit des Umgrabens und Sanierens haben sie sich natürlich gedanklich immer mehr damit auseinandergesetzt, Bücher gelesen, sich Ratschläge der Gartennachbarn eingeholt. Erst nach und nach entstand das eigentliche Konzept. Sie erzählten mir, wie hilfsbereit die Nachbarn sind und dass sie sehr schnell einen guten Kontakt zu den Besitzern der Nachbargärten bekamen.

Es klingt alles zu schön um wahr zu sein und ich denke plötzlich tatsächlich darüber nach, ob das nicht etwas für mich sein könnte. Als ich an diesem Abend nach Hause kam, war ich richtig angesteckt von der Idee, auch so etwas realisieren zu wollen, als hätte ich mich einer Gehirnwäsche unterzogen. Ich fand plötzlich nichts mehr spießig. Was war passiert? Habe ich eine Heilung vom Klischee des spießigen Schrebergartens erfahren? Mein Blickwinkel hatte sich verändert. Nicht nur der Garten hat mich verzaubert, mit dem Duft der Kräuter und dem frischen Geschmack des Gemüses aus eigenem Anbau. Das Gefühl mehr mit der Natur verbunden zu sein, wenn man sein eigenes Gemüse hochzieht, ist ebenfalls ein schöner Aspekt. Aber am allermeisten hat mich der Gemeinschaftsgedanke überzeugt. Die Tatsache, dass sich mit anderen Menschen zusammen, Dinge realisieren lassen, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Einfach weil jeder seinen Teil dazu beitragen kann, seine Fähigkeiten einsetzt und plötzlich wird vieles leichter und am Ende macht es sogar noch mehr Freude, weil man auch diese mit anderen teilen kann.

Urban Gardening mit bring-togther

Autoren

Karin Demming

Karin Demming

Die Wahl-Leipzigerin kommt ursprünglich aus dem sozialen Bereich und wechselte später in die Immobilienwirtschaft. Ihr Fokus liegt hauptsächlich auf den Grundbedürfnissen der Menschen und deren Lebensraum. Aus den Erfahrungen ihrer beruflichen Stationen entstand die Idee für bring-together.

Mary-Anne Kockel

Mary-Anne Kockel

Die Interaction Designerin setzt seit 2009 unter dem Namen »Paka/me« Auftragsarbeiten im Online Bereich um und rief 2017 den community-basierten Projektraum »H4Space« ins Leben. Alles abseits ausgetretener Wege und jeder Funke von Querdenken lässt Ihr Herz höher schlagen.

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