Tiny Houses – kleine Häuser, große Freiheit

18. Januar 2019 Lesezeit: Tiny House
Noch ist ihr Anblick hierzulande ungewohnt – besonders, wenn sie an der Anhängerkupplung eines Autos über die Straße rollen: Tiny Houses, diese mobilen Holzhäusern im Kleinformat, die den Traum vom ortsunabhängigen Wohnen Wirklichkeit werden lassen
Tiny Houses – kleine Häuser, große Freiheit
Ortsunabhängiges Wohnen – Tiny Houses machen es möglich. Quelle: Tiny House Diekmann

Die ursprünglich in den USA im Zuge der Immobilien- und Finanzkrise entstandene Tiny House Bewegung findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Denn das knappe Angebot an Wohnraum und rasant steigende Miet- und Immobilienpreise lassen viele Bauherren nach bezahlbaren Alternativen Ausschau halten. Der Wunsch vieler Stadtbewohner, naturnäher, nachhaltiger und ressourcenschonender zu leben, verstärkt den Trend zum bewussten Downsizing. Dieses »weniger ist mehr« findet zunehmend Eingang in die deutsche Wohnkultur und trifft nicht mehr ausschließlich den Zeitgeist von Minimalisten oder mobilen Job-Nomaden: Als der Kaffeeröster Tchibo im Mai 2018 in einer Aktion diesen Trend aufgriff und Minihäuser in drei verschiedenen Modellvarianten von knapp 40.000 - 60.000 EUR zum Kauf anbot, wurde das Thema auch in den Medien präsenter.

Raumwunder – mit Komfort

Auf einer überschaubaren Wohnfläche bieten die Kleinsthäuser alles, was auch in einem Standardhaus zu finden ist: einen Wohn- und Essbereich, ein gemütliches Schlafloft unterm Dach, ein separates Bad mit Dusche, WC und Handwaschbecken sowie eine voll ausgestattete Küche. Eine clevere Raumausnutzung und maßgefertigte multifunktionale Einrichtungselemente wie Treppenaufgänge mit Stauraum oder ein Sitzpodest mit Schubfächern, in denen die Sitzhocker zum Zusammenstecken verschwinden, lassen die Minihäuschen im Innern zu wahren Raumwundern wachsen. Durch Anschlüsse für Strom, Frisch- und Abwasser muss dabei niemand auf gewohnten Komfort verzichten. Auf Wunsch lassen sich aber auch Photovoltaik-Anlagen zur Nutzung der Sonnenenergie, Trenn- oder Komposttoiletten oder Frischwassertanks einbauen, um unabhängiger von öffentlichen Versorgungsnetzen zu sein und den eigenen Ressourcenverbrauch zu reduzieren.

Tiny House Innenansicht, Kuschelecke
Bestmögliche Ausnutzung des Raumes. Quelle: Tiny House Diekmann
Tiny Houses geben wenig Raum für große Freiheit
Keine »dunkle Kiste«, sondern hell und freundlich. Quelle: Tiny House Diekmann

Anders als vermutet – die Kunden

Der typische Tiny House Kunde ist dabei keineswegs nur der alternative Aussteiger oder trendige Großstadt-Hipster, sondern überwiegend weiblich, etabliert und jenseits der 50. Viele ältere Tiny House Interessenten träumen von einem Leben im Alter in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, das soziale Kontakte, Austausch und gegenseitige Unterstützung ermöglicht. Tiny House Dörfer nach dem Vorbild des bislang deutschlandweit einmaligen Tiny House Village in Mehlmeisel im Fichtelgebirge könnten eine solche alternative Wohnform ermöglichen. An vielen Stellen in Deutschland entwickeln sich gerade Ideen und Initiativen zur Verwirklichung solcher Projekte.

Einfache Häuser – schwieriger Weg

Klingt bisher alles ganz wunderbar. Jedoch: Das größte Hemmnis in der jungen, deutschen Tiny House Bewegung stellt weiterhin die Suche nach einem geeigneten Grundstück dar, auf dem die mobilen Minihäuser dauerhaft aufgestellt werden dürfen. Entgegen manch romantischer Vorstellung vom autarken Leben am Waldesrand oder einsamen Seeufer unterliegen Tiny Houses in Deutschland nämlich den gleichen baurechtlichen Anforderungen wie ein normales Haus, sofern sie zum dauerhaften Wohnen genutzt werden sollen. Die notwendige Baugenehmigung setzt voraus, dass das ins Auge gefasste Grundstück den Vorgaben eines geltenden Bebauungsplanes entspricht sowie an das öffentliche Straßen- und das Versorgungsnetz für Strom, Wasser und Abwasser angeschlossen ist. Eventuelle Gestaltungsvorgaben der jeweiligen Kommune sind ebenfalls zu beachten. Wer den Aufwand eines Bauantrags scheut, dem bietet sich als Alternative ein Stellplatz auf einem Campingplatz an. Nicht in jedem Bundesland ist dabei allerdings auch die Anmeldung eines Erstwohnsitzes dort möglich.

Trotz der noch bestehenden baurechtlichen Hürden steigt die Nachfrage nach Tiny Houses als bezahlbare Wohnraumalternative stetig. Das belegen die vollen Auftragsbücher der aktuell rund 30 bundesweiten Hersteller von Häusern im Kleinformat. Ein Ende des Trends ist dabei nicht abzusehen. Im Gegenteil: Sollte es künftig mehr fortschrittliche Kommunen geben, die der wachsenden Gemeinde der Tiny House-Begeisterten geeignete Grundstücksflächen zur Verfügung stellen, wird sicher auch hierzulande der Anblick rollender Kleinhäuser auf der Straße bald zum Alltag gehören.

Tiny Houses ein Traum
Leider (noch) eine Hürde: geeignete Grundstücke. Quelle: Tiny House Diekmann
Weitere Informationen

Vera Lindenbauer

Tiny House Diekmann
Öffentlichkeitsarbeit & Projektentwicklung



tiny-house-diekmann.de

Autoren

Vera Lindenbauer

Vera Lindenbauer

Die Autorin verantwortet bei der Schreinerei Heinz Diekmann GmbH | Tiny House Diekmann die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit & Projektentwicklung.

Michael Fürch

Michael Fürch

Michael Fürch lebt in Leipzig. Er ist als Autor tätig und entwickelt mit einer gehörigen Portion Querdenken die Strategie digitaler Produkte und Kommunikationskonzepte.

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